Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Hochsensibilität und Narzissmus (und was hat das mit Selbstliebe zu tun – Update 2020)?

Letzte Aktualisierung:  06.06.2020
Lesezeit: 15 Minuten.

Fragst Du Dich manchmal, ob es einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Narzissmus gibt?

Und wo die Grenze zwischen grenzenloser Selbstverliebtheit und gesunder Selbstliebe bei Hochsensibilität und Narzissmus verläuft?

Heute erfährst du es!

In meinem Artikel über die Anziehung von hochsensibel veranlagten Menschen auf ausgeprägte Narzissten, habe ich versucht darzulegen, dass jene Anziehung sehr oft aus einer Art Co-Narzissmus herkommt, den der betroffene (hochsensible) Partner oftmals nicht sieht oder wahrhaben will.

Co - oder Komplementär-Narzissmus liegt als Grundproblem die gleiche Selbstwertstörung wie bei einem offenen Narzissmus zu Grunde – er zeigt sich in der Beziehungsgestaltung nur anders. Ein Co-Narzisst macht sich zum Beispiel oft klein und zum Opfer und geht in der Idealisierung des Anderen (Partners) auf.

Im Zusammenhang mit der Anziehung von Hochsensiblen auf Narzissten gibt es auch die Aussage, dass Hochsensibilität nichts anderes als eine Form von verstecktem Narzissmus sei. Quasi ein verdrängter Anteil. Der erst die starke Anziehung auf narzisstische Partner auslöst.

Diese Aussagen ließen mich hellhörig und neugierig werden.

Deshalb habe ich mich hingesetzt und mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

Ist es wirklich so und welche Gemeinsamkeiten aber auch Unterscheidungen könnte es zwischen Hochsensibilität und (verstecktem) Narzissmus geben?

Dabei bin ich auf 3 Emotionen gestoßen, die auf den ersten Blick tatsächlich eine hohe Übereinstimmung mit Narzissten aufweisen:

Kränkbarkeit, Scham, Egozentrik

Im heutigen Artikel möchte ich mir diese 3 Persönlichkeitsmerkmale etwas genauer anschauen und dabei der Frage nachgehen, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Hochsensibilität gibt?

Let's go.

1. Kränkbarkeit (Empfindlichkeit, Dünnhäutigkeit)

Im Kontext mit Hochsensibilität:

Ich verstehe es so.

Aufgrund des hocherregbaren autonomen Nervensystems von Hochsensiblen sind diese nicht nur empfänglicher und empfindsamer für jegliche Art von Umweltreizen, sondern eben auch für emotionale Aussagen, Stimmungen und Worte von anderen.

In bildgebenden Verfahren der Hirnforschung konnte mittlerweile festgestellt werden, dass bei Hochsensiblen durch äußere Reize andere Hirnareale aktiviert werden, als bei weniger sensiblen Mitmenschen. Die hochsensible Autorin Ulrike Hensel schreibt dazu treffend: Aus einer höheren Empfindsamkeit ergibt sich eine höhere Empfindlichkeit und aufgrund der höheren Empfindlichkeit werden diese Menschen auch heftigere Reaktionen auf verschiedene Reize selbst verspüren und an den Tag legen.“

Für mich schließt sich daraus, dass Hochsensible Aussagen oftmals als zu persönlich aufschnappen, leicht beleidigt oder schmollend sind. Mitunter auch nachtragend oder sehr gereizt sein können. Während einer starken Reizüberflutung sogar hochnäsig oder arrogant wirken können.

Ich kenne es stellenweise von mir. Mittlerweile würde ich es als vorübergehende Schutzreaktion interpretieren. Schutz vor den einströmenden Reizen und Worten, die zunächst einmal zu viel sind. In der anschließenden Nachbearbeitung, zu Hause oder an einem ungestörten Ort, wo ich das Geschehene reflektierten kann, beobachte ich dann oftmals, dass ich versuche mein Gegenüber für sein Verhalten zu verstehen.

Und gleichzeitig mein eigenes Verhalten zu hinterfragen, ob ich beispielsweise mal wieder überreagiert habe.

Ich versuche also die Perspektive von mindestens zwei Menschen einzunehmen. Verständnis und Empathie für beide Positionen aufzubringen. Genau hier liegt aus meiner Sicht der entscheidende Unterschied zu einem Narzissten.

Im Kontext mit Narzissmus:

Ein ausgeprägter Narzisst kann nämlich kaum noch Verständnis oder gar Empathie für sein Gegenüber aufbringen. Bei einer sehr starken Ausprägung (narzisstische Persönlichkeit) ist diese Fähigkeit im Gehirn gar nicht mehr vorhanden. Ein Totalausfall. Um nicht aufzufallen, können Narzissten jedoch Mitgefühl und Verständnis vorspielen.

Ein Narzisst ist gut im Austeilen von persönlicher Kritik und herabsetzenden Sprüchen. Diese Verhaltensweise dient ihm als Mechanismus, um andere klein zu machen, neben sich als unbedeutend und winzig erscheinen zu lassen. Dies hilft ihm beim Kompensieren seines unterschwelligen Minderwertigkeitsgefühls. Er macht andere klein, um sich selbst groß zu fühlen.

Wenn es um das „Einstecken“ geht, sieht das ganz anders aus. Auf jedwede Art von Kritik, egal wie sachlich, wohlmeinend oder vorsichtig sie vorgetragen wird, reagiert ein Narzisst äußerst dünnhäutig! Er fasst es sofort als Kränkung seiner Intelligenz, Unfehlbarkeit, Einzigartigkeit auf – und damit einhergehend oft mit Wut- und Rachegefühlen gegenüber dem Kritiker, der es gewagt hat, ihn in Frage zu stellen.

Ein Narzisst kann eine hilfreiche Anregung oder eine gutgemeinte Empfehlung nicht als solche aufnehmen. Er ist so mit dem Selbstbild der Perfektion, des Größenwahns und der Allwissenheit identifiziert, dass er jede Kritik als Angriff auf seinen Selbstwert und seiner herrlichen Größe auffasst.

Er kann und will sich nicht in die Position seines Gegenübers hineinversetzen. Ihm fehlt vollkommen die Fähigkeit der Selbstreflexion oder einer angemessenen Selbstkritik. All dies würde ihm mit seinem äußerst fragilen Selbstwert in Berührung bringen.

Die permanente Angst vor Missachtung und Kritik zwingt ihn in eine Position einer starren Abwehrhaltung. Ständig ist er auf der Lauer, hat einen regelrechten Radar entwickelt, um jede Form von Kritik, Missachtung oder Anzweifeln seiner Ansichten sofort im Keim zu ersticken.

In diesem Zusammenhang kann man von einer extrem schnellen Kränkbarkeit im Vergleich zu einer anlagebedingten Hochsensibilität sprechen.

Der ausschlaggebende Unterschied liegt für mich darin, dass ein Narzisst sich diese dünnhäutige Abwehrhaltung aneignet, um jede Art von Missachtung und Kritik an seiner Person aufzuspüren, die er als Majestätsbeleidigung auffasst. Er ist dann von Hass- und Rachegelüsten durchdrungen, kann nicht vergeben und sieht vor allen Dingen einzig und alleine seine Position. Er fühlt sich immer im Recht – und gleichzeitig ungerecht behandelt!

Zusammengefasst: Ein Mensch mit einer hochsensiblen Anlage besitzt in der Regel die Fähigkeit der Selbstreflexion, auch in kränkenden Momenten – ein Narzisst in den meisten Fällen nicht!

Scham ist bei narzissmus toxisch

2. Scham

Im Kontext mit Hochsensibilität:

Eine stark ausgebildete Scham ist ein zentrales Thema für viele Hochsensible. Dies hängt meist mit Erfahrungen aus der Kindheit zusammen, bei denen die Eigenheiten einer hochsensiblen Anlage nicht ausreichend gewürdigt wurden.

Wenn ein Kind, allen voran ein hochsensibles, in seinen Bedürfnissen und Gefühlen nicht ausreichend wahrgenommen wird, eventuell sogar dafür abgelehnt oder bestraft wird, vertraut es irgendwann seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr.

Ein Kind kann in diesem frühen Stadium noch nicht unterscheiden, ob die Ablehnung an der Situation oder an ihm persönlich liegt. Es registriert lediglich, dass es mit seinen Gefühlen so nicht sein darf, weil es dann nicht wahrgenommen und geliebt wird.

Das Kind bezieht das sofort auf sich und entwickelt dadurch ein falsches Selbstbild:
Ich bin falsch, so wie ich bin.

Von nun an beginnt es seine Umgebung genau zu beobachten. Das Kind scannt seine Bezugspersonen, deren Mimik, Verhaltensweisen, Körpersprache und versucht schon im Ansatz zu erkennen, was die Anderen von ihm wollen oder erwarten. Und verhält sich anschließend genau nach deren Erwartungen! Nur dadurch erhält es die existenziell notwendige Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wenn eine Mutter beispielsweise es nicht ertragen kann, wenn ihr Kind weint und deshalb versucht ihr Kind zum Lachen zu bringen, verlernt das Kind das Vertrauen in die eigenen Gefühle. Es schämt sich für sein Gefühl der Traurigkeit. Und versucht gleichzeitig die Mutter zum Lachen zu bringen – obwohl im eher zum Heulen zumute ist.

Das Kind verstellt sich und trägt von nun an eine Maske. Es ist nicht mehr authentisch. Aufgrund des Gefühls der Scham und der Ablehnung. Diese Überzeugung (Glaubenssatz) kann so verinnerlicht werden, dass es das ganze weitere (Beziehungs-)Leben prägt.

Das Kind und der spätere Erwachsene werden immer schauen, was andere von ihm erwarten. Das Gefühl der Scham wird immer größer, weil es sich im Kern seiner Identität eigentlich komplett falsch fühlt.

Der Nährboden für spätere Co-abhängige Beziehungen ist gelegt: der mittlerweile Erwachsene versucht sich immer zunächst an dem zu orientieren, was andere von ihm erwarten oder wollen (Partner, Vorgesetzte, Freunde etc.). Weil nur das ihm ein (falsches) Gefühl von Sicherheit und Anerkennung gibt.

Ein normales Schamgefühl zeichnet sich dadurch aus, dass man sich für eine Situation oder Verhalten schämt („das hab ich falsch gemacht“) und nicht als ganze Person!

Im Kontext mit Narzissmus:

Nach meinen Recherchen liegen die Ursachen für eine narzisstische Scham in einem ähnlichen Ursprung begründet, wie bei der eben skizzierten Scham. Doch der Umgang mit diesem falsch herausgebildeten Selbstbild aus Kindheitstagen ist bei einem Narzissten ein anderer.

Ein Narzisst ist ständig mit einem idealisierten Selbstbild identifiziert. Damit einhergehend ständig auf die Bewunderung von außen angewiesen ist. Dann schmerzt es natürlich besonders, wenn das wahre, fragmentierte Selbst zum Vorschein kommt, das mit tiefer Scham und Selbstzweifeln verbunden ist.

Bei einem gefestigten Charakter gibt es Situationen, bei denen man sich für einen gewissen Anteil von sich selbst schämt. Andere Anteile von sich aber nach wie vor wertschätzen kann. Es ist ein differenzierter Blick auf sich selbst, seine Stärken und Schwächen möglich.

Nicht so bei einer narzisstischen oder toxischen Scham.
Sie geht viel tiefer und ist vor allem viel umfassender:

Der Narzisst schämt sich, weil er ist („Ich bin einfach falsch“).

Die Scham bringt ihm mit seiner inneren Leere und dem schambesetzten und schmerzhaften Erfahrungen aus seiner Kindheit in Berührung.

Mit einem normal entwickelten Selbstwertgefühl können dich Bewertungen von anderen in deiner Identität, in deinen Grundfesten, nicht erschüttern. Du regst dich vielleicht darüber ein wenig auf, denkst darüber nach, beschäftigst dich ein paar Tage damit und gleichst diese „Fremdeinschätzung“ mit deiner Selbstwahrnehmung ab. Du fühlst dich aber deshalb nicht sofort als ganze Person in deinem Sein abgelehnt.

Du behältst den Blick für eine differenzierte Betrachtungsweise bei. Du bist mit deinem Sein und deinem Wesenskern nach wie vor verbunden und davon kann dich nichts und niemand abbringen.

Ganz anders bei einem ausgeprägten Narzissten. Dieses Gefühl der anhaltenden Verbundenheit mit seinem Wesenskern bei Bewertungen erfährt der Narzisst nicht.
Weil dieser Kontakt zum „Urgrund“ komplett verloren gegangen ist.

Bewertungen und Kritik von außen erschüttern einen Narzissten mit voller Wucht.

Er fühlt sich wertlos.
Er schämt sich.
Er kann dem nichts entgegen setzen, weil da einfach nichts ist, als die bereits erwähnte innere Leere.

Die tief im Inneren empfundene (toxische) Scham schmerzt natürlich ungemein. Genau dieses erneute Aufflackern eines existenziellen Schamgefühls versucht ein Narzisst mit allen Mitteln zu vermeiden.

Hier setzt der Unterschied zwischen einer hochsensiblen und narzisstischen Scham ein: nämlich im Umgang mit derselben in Beziehung und Alltag.

Scham taucht nur im Umgang mit anderen Menschen auf und gehört zu den Grundgefühlen wie Angst, Trauer, Wut, Freude. Es ist unvermeidlich, dass Scham in unseren sozialen Verbindungen immer wieder aufkommt. Entscheidend ist hierbei nicht, ob sie auftaucht, sondern wie ich beim Auftauchen damit umgehe.

Die narzisstische Scham vereinigt das Gefühl der Unzulänglichkeit verbunden mit der Einschätzung, dass diese Unzulänglichkeit von anderen wahrgenommen werden kann. Und der fortlaufenden Beurteilung seiner selbst als unzureichend, als nicht genug.

Das Gefühl der Unzulänglichkeit oder Fehlbarkeit in einer Situation kann ein Narzisst in keinster Weise ertragen. Da er sich aufgrund seines idealisierten Selbstbildes immer für grandios, überragend, perfekt und fehlerfrei ansieht.

Nun setzen die psychischen Verarbeitungs- und Abwehrmechanismen eines Narzissten ein. Er beschuldigt, kritisiert, beleidigt und entwertet den anderen, der es wagte, ihn zu kritisieren oder einzuschätzen.

Unter all den Abwehrschichten spürt er irgendwo das alte Schamgefühl aus der Vergangenheit. Doch ist ein Narzisst völlig außer Stande, mit diesem Gefühl adäquat umzugehen. Deshalb setzt er alles daran, dass es nicht „entdeckt“ wird.

Zusammengefasst: Hochsensible und Narzissten haben oftmals ein ähnlich begründetes Schamgefühl aus der Kindheit. Doch gelingt es dem Hochsensiblen aufgrund seiner Empathie und Selbstreflexion damit meist konstruktiv und eigenverantwortlich umzugehen. Hochsensible fühlen sich bei einem Fehler oder schambesetzten Situation nicht sofort als ganze Person in Frage gestellt.

Ein Narzisst dagegen fühlt sich bei einem Fehlverhalten sofort in seiner ganzen Identität angegriffen („Ich bin falsch“). Und greift deshalb zu destruktiven, verteidigenden und manipulativen Methoden, um die narzisstische (toxische) Scham für ihn irgendwie erträglich zu machen.

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3. Egozentrik 

Im Kontext mit Hochsensibilität:

Zunächst einmal ist es wichtig, hier genau zwischen grenzenloser Egozentrik und einer gesunden und absolut notwendigen Selbstliebe zu unterscheiden.

Wenn wir geboren werden, sind wir als Säuglinge alle egozentrisch, man könnte auch sagen narzisstisch veranlagt. Ein Kleinkind kann gar nicht anders, als seine Umwelt aus einer rein egozentrischen Perspektive heraus zu betrachten. Seine Gehirnentwicklung lässt in diesem frühen Reifungsstadium keine andere Perspektive zu, als sich selbst als den Mittelpunkt der Welt zu sehen. Das Kleinkind ist nicht in der Lage, sich in die Perspektive eines anderen hineinzuversetzen. Es ist selbstsüchtig und das ist auch gut so. Zumindest in dieser Phase seiner Entwicklung.

Verläuft die weitere Entwicklung normal, sprich, ohne gravierende Vernachlässigungen, erweitert sich die Perspektive des Kindes auf sein Umfeld. Sein Verständnis, wer es ist, erweitert sich von der rein egozentrischen Sicht auf seine Familie, Spielkameraden, Verein, Freunde, etc.

Geht die Entwicklung des Menschen weiter voran, springt sein Verständnis und seine Wahrnehmung auf die nächst höhere Entwicklungsstufe. Er sieht nicht nur sich selbst, seine nächste Umgebung, sondern fühlt ein Verantwortungsgefühl für den ganzen Planeten. Diese Sicht kann sich zum Beispiel durch Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Konsumreduktion oder einer Ernährungsumstellung ausdrücken.

Für unsere Betrachtung ist es wichtig festzuhalten, dass eine ausgeprägte Egozentrik in einer frühen Phase unserer Entwicklung absolut richtig und wichtig ist. Doch was passiert, wenn wir in dieser Entwicklungsphase massive Beeinträchtigungen erlebt haben, indem uns zum Beispiel von unseren Bezugspersonen (Eltern) nicht gestattet wurde, unsere Egozentrik auszuleben oder uns massive Schuldgefühle vermittelt wurden, sobald wir unsere kindlichen Bedürfnisse anmeldeten?

Nun, dann erlebt unsere Ich-Entwicklung eine erhebliche Delle. Ein Teil unserer Persönlichkeit bleibt regelrecht auf dieser Entwicklungsstufe stehen – und wartet fortan aus dieser Sackgasse befreit zu werden. In späteren Jahren sind wir zwar erwachsene Menschen, aber in einem Teil unserer Identität, der uns nicht bewusst ist, lebt diese (ungelebte) kindliche Egozentrik weiter.

Das ist der Grund, warum sich erfolgreiche und scheinbar selbstbewusste Menschen – oder auch der Lebenspartner – innerhalb von Sekunden in wutschäumende, cholerische, infantile Personen verwandeln können. Hier meldet sich das innere Kleinkind, das nun endlich seine nicht erlaubte Wut und Egozentrik aus den frühen Kindheitstagen ausleben möchte. Der Autor Veit Lindau schreibt dazu: „Wer in seiner Kindheit kein gesundes Ego aufbauen konnte, steht als Erwachsener entweder auf Kriegsfuß mit seinen Bedürfnissen oder er kennt sie gar nicht.“

Aus meiner Wahrnehmung heraus, auch aus meiner eigenen Biographie, setzt hier genau das Problem von vielen Hochsensible an. Viele erlebten nämlich grobe Vernachlässigungen elementarer Grundbedürfnisse. So angenommen zu werden, wie sie in ihrer Andersartigkeit (ruhig, sensibel, zurückgezogen) als Kinder waren. Viele Hochsensible konnten keine gesunde Form von „Ich“ aufbauen und müssen deshalb als Erwachsene erst wieder lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen.

Das Erforschen und Ausdrücken der eigenen Bedürfnisse hat rein gar nichts mit Egozentrik zu tun! Eher mit einem Ausdruck von gesunder Selbstliebe oder Egoismus. Doch sollten wir bei diesem Erforschen und Ausleben unserer Bedürfnisse sehr achtsam vorgehen.

Selbstliebe im positiven Sinne bedeutet, dich in deinem Wesen radikal kennenzulernen: deine Bedürfnisse, Werte, Wünsche, Träume, Tugenden, Ängste, Zweifel, Emotionen, Visionen.

Mit dem Erkennen wirst du unabhängiger von außen herangetragener Anerkennung, Lob und Tadel. Du weißt, wer du bist, was du willst und wie du es erreichst. Ein weiterer Ausdruck von einer wachsenden Selbstliebe besteht darin, dass du gelernt hast, deinem Umfeld gegenüber ehrlich und genau zu kommunizieren, was gerade in dir abläuft. Indem du zum Beispiel deinem Partner offen anvertraust, dass du heute im Büro runter gemacht wurdest und nun seine Aufmerksamkeit benötigst.

Der entscheidende Unterschied zu einer zügellosen (kindlichen) Egozentrik besteht aus meiner Sicht darin, dass du deine Vergangenheit und deine Wunden bedingungslos anerkennst. Im Gegensatz dazu lebt ein Egozentriker völlig ungezügelt, unverantwortlich und unreflektiert seinen nicht gelebten Egoismus aus frühen Kindheitstagen an seinem Umfeld aus – und tyrannisiert es dadurch maßgeblich.

Kindheit und hochsensibilität

Im Kontext mit Narzissmus:

Womit wir bei der Egozentrik und Selbstdarstellung eines narzisstisch geprägten Menschen wären. Die Vernachlässigungen in dem oben skizzierten Kindheitsstadium waren so massiv, dass er den Schmerz der nicht erhaltenen Zuwendung und Liebe nicht mehr ertragen konnte und deshalb seine Psyche als Schutzfunktion diesen Anteil aus seiner Wahrnehmung abspaltete. Doch wie wir aus der Psychoanalyse wissen, ist dieser abgetrennte Persönlichkeitsanteil nicht einfach verschwunden. Sondern schlummert im Unbewussten weiter – so etwas wie der Keller der Psyche.

Der Selbstwert wurde derart deformiert, dass ein Narzisst nicht in der Lage ist, sich Anerkennung und Wertschätzung selber zu geben. Von nun an benötigt er ständig Lob, Aufmerksamkeit und Anerkennung von außen. Weil er nur dadurch so etwas wie ein pulsierendes Selbst verspürt – nur eben ein völlig verzerrtes.

Dadurch identifiziert er sich immer mehr mit diesem falschen (äußeren) Bild von sich selbst, und entfernt sich zusehends von seinem wahren inneren Kern – der ja mit unermesslichen Schmerz verbunden ist.

Aus dieser narzisstischen Egozentrik heraus resultiert auch die ständige Entwertung von anderen. Ein narzisstisch verwundeter Mensch möchte damit betonen, wie bewundernswert und großartig er selbst ist. Dieses Gefühl benötigt er wie das tägliche Brot, um sich irgendwie selbst zu spüren.

Nach dem Motto „Angriff ist besser als Verteidigung“ versucht ein Mensch mit einer narzisstischen Egozentrik andauernd „Präventivschläge“ zu setzen, um andere zu verletzen, bevor er selbst verletzt wird. Die Angst vor Verletzung ist seine treibende Kraft. Sie erinnert ihn unbewusst an seine Ohnmacht aus Kindheitstagen. Deshalb erniedrigt und verletzt er lieber andere. Weil ihm das ein Gefühl von Macht und Überlegenheit gibt. Zum anderen versucht er damit seine innere Leere zu überdecken. Das Sichtbarwerden seines inneren Vakuums, davor fürchtet sich ein narzisstisch verwundeter Mensch am meisten.

Zusammengefasst: Selbstliebe bedeutet, dass du dir ein radikales JA zu dir als gesamte Persönlichkeit mit allen Licht- und Schattenseiten geben kannst. Du bist in der Lage für dich und deine elementaren Bedürfnisse selbst zu sorgen – und erwartest dies nicht zwangsläufig von deinem Umfeld.

Du spürst in dir eine starke innere Wurzel des Selbstwertes, die an ruhigen und stürmischen Tagen standhält. Diese Wurzel wiederzuentdecken und zu festigen, ist die (Lebens-)Aufgabe von vielen hochsensiblen Menschen. Es ist ein Ausdruck von gesunder Selbstfürsorge und gleichzeitig ein Ausdruck von Reife, dein Umfeld für dein Wohlergehen nicht verantwortlich zu machen.

Genau dies macht aber ein Narzisst mit einer überbordenden Egozentrik. Nach außen gibt es sich gern selbstbewusst, schlagfertig und cool. Er sucht gerne den Mittelpunkt. Hinter diesem Auftreten steckt aber kein gefestigter Wert. Er macht sein Umfeld für seine unerfüllten Bedürfnisse, Schmerzen und Wunden verantwortlich. Aufgrund eines verzerrten Selbstbildes überhöht er sich ständig selbst und erwartet permanente Bestätigung und Aufmerksamkeit von außen. Bleibt diese aus, reagiert er cholerisch, wütend und abwertend.

Im Grunde stampft hier ein wütendes kleines Kind mit beiden Füßen auf dem Boden.
Es möchte endlich gesehen und gehört werden!

hochsensibilität, narzissmus und bedingungslose selbstliebe

Zusammenhang Narzissmus und Hochsensibilität: Ein Fazit

Ich hoffe, ich konnte dir anhand der drei Emotionen Kränkbarkeit, Scham und Egozentrik den Unterschied zwischen einer anlagebedingten Hochsensibilität und einem pathologischen Narzissmus aufzeigen.

Wie so oft in meinen Artikeln, versuchte ich das Thema von mehreren Seiten zu betrachten. In vielen Videos, Foren und Webseiten über den Zusammenhang von Hochsensibilität und Narzissmus geschieht mir oftmals zu schnell eine einseitige Opfer- Täter-Zuweisung. So einfach ist es aber meistens nicht (einmal abgesehen davon, dass Opfer-Täter-Spiralen nie das eigentliche Problem lösen).

Aus meiner Erfahrung aus den letzten Jahren im Umgang mit Hochsensiblen kann ich sagen, dass ich hochsensible Menschen kennengelernt habe, bei denen ich im Nachgang, mit dem heutigen Wissen, eindeutige Anzeichen für einen (verdeckten) Narzissmus erkennen würde.

Seitdem ich mich dem Thema Narzissmus beschäftige, stellte ich mir immer wieder die Frage, warum Partner (Frauen) eines Narzissten solange an der Seite eines Menschen bleiben, der sie offenkundig ausbeutet, erniedrigt, benutzt. Das Verständnis, das viele hochsensible Partner Züge von versteckten Co-Narzissmus in sich tragen, war für mich das fehlende Puzzleteil. Und es ist ja auch leicht verständlich,wenn man sich die Grundprägungen aus der Kindheit anschaut, die sich bei Narzissten und Menschen, die sich als hochsensibel bezeichnen, oftmals ähneln (Vernachlässigung, Anpassung etc.).

Genau aus jenen mangelhaft ausgebildeten Selbstwertgefühl (so, wie ich bin, bin ich richtig) entsteht dann als Erwachsene die gegenseitige, fast magische Anziehung zwischen Hochsensiblen und Narzissten. Dass beide sich in gewisser Weise brauchen und sich wunderbar in ihrer Beziehungsdynamik ergänzen.

Solange bis einer erwacht und das ganze Dilemma erkennt. Zu dieser ehrlichen Selbsterkenntnis soll dieser Artikel beitragen.

Instinktiv würde wahrscheinlich jeder Hochsensibler eine Verbindung mit Narzissmus brüskiert von sich weisen. Das ist verständlich, da man Hochsensibilität unter anderem oftmals mit Einfühlungsvermögen assoziiert. Wie wir festgestellt haben, zeichnet sich ein ausgeprägter Narzissmus ja gerade durch einen Mangel oder gar komplette Abwesenheit von Empathie aus.

Trotzdem können natürlich auch Hochsensible in ihrer Kindheit derartig traumatisiert worden sein, dass sie einen sogenannten kompensatorischen Narzissmus entwickelt haben.

Viele der typischen Eigenschaften von Hochsensibilität, wie die erhöhte Reizempfindlichkeit oder auch Mitgefühl bleiben bestehen, werden aber konstant bekämpft oder durch gegensätzliches Verhalten kompensiert. Man ist immer noch hochsensibel und auch narzisstisch, aber eben nicht auf die gleiche Art und Weise, wie bei einem pathologischen, offenem Narzissmus. Dieser kompensatorische Narzissmus kann sich dann durch Selbsterhöhung, schnelle Kränkbarkeit bei Kritik und einem vermeiden von jeglichen Schamgefühlen zeigen. 

Solange, bis man zum einen die eigene Anlage der Hochsensibilität anerkennt und lernt damit umzugehen. Und zum anderen, noch wichtiger, sich aber auch einfühlsam mit seinen erlebten Traumatas und zugefügten Wunden auseinandersetzt. 

Was ich in den Jahren in der Auseinandersetzung mit dem weitläufigem Thema Narzissmus gelernt habe, ist, dass es nicht den einen Narzissmus gibt. Sondern Typen und Ausprägungsformen, die von normalen über verdeckten bis hin zu boshaften, anti-sozialen Narzissmus reichen können.

Und genauso so schätze ich es auch bei hochsensiblen Menschen ein.

Aufgrund von ähnlich erlebten Vernachlässigungen in der Kindheit, können sie zwar eine erhöhte Kränkbarkeit, Scham, Egozentrik wie bei einem Narzissten aufweisen. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass sie dadurch zu einer krankhaften narzisstischen Persönlichkeit werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es Narzissten gibt, die sich als weitere Maskerade das Etikett „Hochsensibilität“ umhängen! Genauso habe ich es aber auch erlebt, dass es Hochsensible gibt, die ihren (versteckten) Narzissmus nicht sehen wollen.

Narzissmus ist per nichts böses oder schlechtes. Jeder von uns benötigt einen gewissen Teil von Durchsetzung "und nur mal an sich denken“, um den eigenen Selbstwert zu regulieren. Problematisch wird es dann, wenn dabei immer mehr die Bedürfnisse und Gefühle von anderen Menschen ignoriert werden.

Wie so oft, plädiere ich dazu, ehrlich mit dir selbst zu sein: mit deiner Anlage, deinen Stärken und Verletzungen – und sich mit jedem dieser Bereiche entsprechend auseinanderzusetzen.

Wenn du dir dieses bedingungslose JA zu dir selbst geben kannst – deinem Licht wie Schattenseiten – brauchst du keine Angst vor rücksichtsloser Selbstverliebtheit haben. Narzisstischer Egoismus ist rücksichtslos. Eine gesunde Selbstliebe nimmt Rücksicht.

Bei der Betrachtung von zügellosen Narzissmus und den Potentialen einer hochsensiblen Veranlagung ist Selbstliebe aus meiner Überzeugung der Schlüssel zu allem: deinem Selbstverständnis, deiner Arbeit, deinen Beziehungen, deinen Werten und deinem Wirken in der Welt.

Menschen, die sich radikal selbst annehmen und lieben, verschenken sich von ganz alleine an die Welt. Sie sind mit sich im Reinen und schauen über den eigenen Tellerrand.

Sie versprühen eine subtile Liebe und Verantwortung für alles Lebendige.
Für das Leben. Sie wissen, was für sie wertvoll und wichtig ist und sind dadurch weniger manipulierbar von außen.

Sich an die Welt zu verschenken, ist einem Narzissten nahezu unmöglich.
Einem Hochsensiblen, der den Umgang mit seinem feinen Nervensystem gelernt hat, nicht.

Ich halte es sogar für eine der wichtigsten Aufgaben für dich als Hochsensiblen:

dich mit deinen Potentialen einzubringen und dafür zu sorgen, dass es dir und deinem Umfeld gut geht mit deiner Veranlagung.

Wenn du nun am Ende des Artikels sagst: “Hey, der Artikel war ein Augenöffner und ich möchte noch mehr über verdeckten Narzissmus und einem starken Selbstwertgefühl in Beziehungen erfahren“, dann lade ich dich ganz herzlich dazu ein, dir meinen kostenlosen Ratgeber herunterzuladen: Handbuch für Partner von Narzissten. Darin erfährst du alles über Co-Narzissmus und ob die Beziehung mit einem Narzissten noch Sinn macht!

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dein Oliver

PS: Welche Erfahrungen hast du im Zusammenhang mit Narzissmus und Hochsensibilität gemacht? 

Quellen
Ulrike Hensel: Mit viel Feingefühl
Veit Lindau: Heirate Dich selbst

www.umgang-mit-narzissten.de
www.umgang-mit-narzissten.de/arten-des-narzissmus
www.hochsensibel-test.de
www.prozessbegleitung.com
www.medizin-im-text.de

https://www.sueddeutsche.de/leben/fehlende-selbstliebe-viele-menschen-spueren-sich-kaum

Bilder
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Veröffentlicht von

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