Beziehungssucht: Woran Du sie erkennst und was Du dagegen tun kannst

„Ich fühle mich so leer und verloren“
„Ich lande immer wieder in den gleichen schlechten Beziehungen“

Kennst du womöglich diese Sätze?

Es gibt Menschen, die süchtig sind nach Alkohol oder Drogen. Und es gibt jene, die süchtig sind nach Beziehungen, Sex und Anerkennung. Der heutige Beitrag handelt von dieser Beziehungssucht, woran du sie erkennen kannst und welche Möglichkeiten der Genesung es gibt.

Und nun verrate ich dir wieder etwas sehr persönliches: Ich gehöre auch zu diesen Menschen, die sich Bestätigung und Anerkennung von anderen erhoffen. Obwohl mir seit Jahren diese Abhängigkeit bewusst ist, gibt es immer wieder Phasen, wo es mir an Selbstachtung fehlt und glaube, nicht liebenswert zu sein. Mich von den Meinungen und Bewertungen anderer abhängig mache. Mir ohne Partner alleine und verloren vorkomme.

Hinter dieser Sucht steckt ein alter Schmerz. Ein Schmerz aus Kindheitstagen, der bisher sehr oft jede Faser unseres Lebens nachteilig beeinflusst hat. Er vergiftet uns und all unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir fühlen uns nicht ganz, innerlich leer, sehnen uns nach Anerkennung und Bestätigung von außen. Wir sind uns selbst nicht genug, tief in unserem Bewusstsein hat sich der Irrglaube festgesetzt, ohne einen anderen Menschen nicht leben zu können – keine Freude oder Glück empfinden zu können. Nur von einem anderen, so glauben Beziehungssüchtige, kann ich all das erhalten, was mich glücklich und ganz macht. Und oftmals ist dieser andere unser Partner. Doch mit dieser Haltung überfordern und missbrauchen wir unseren Partner maßlos.

Einen passenden Partner zu finden, ist für uns Hochsensible ein zentrales Lebensthema. In diesem Raum der Vertrautheit können wir uns fallen lassen, uns ganz hingeben, unser Herz öffnen, unsere Sensibilität zeigen – ohne Angst und Scham. Doch damit dieser Raum der Vertrautheit entstehen kann, müssen sich beide mutig und verantwortlich ihrer Vergangenheit stellen.

Das nagende Gefühl nicht genug zu sein

Dieses nagende Gefühl, nicht genug zu sein, reicht sehr weit in unsere Vergangenheit zurück. Wie bei einer Bindungsangst und vielen anderen Ängsten, sind die Ursachen für solch ein Verhalten als Erwachsener in unserer Kindheit zu suchen. Als Kinder waren wir emotional und seelisch abhängig von unseren ersten Bezugspersonen, meist unseren Eltern.

Ohne diese Bindung wären wir nicht überlebensfähig gewesen, wir waren vollkommen hilflos und auf diese Bezugspersonen angewiesen. Doch nicht immer waren diese emotional zugänglich oder anwesend. Nicht immer konnten sie unsere elementaren (Grund) Bedürfnisse erfüllen.

Irgendwann erkannten wir, dass wir Liebe und Anerkennung erhalten, wenn wir die Bedürfnisse unserer engsten Bezugspersonen erfüllen. Manche übernahmen das Schamgefühl ihrer Bezugsperson mitsamt unermesslicher Ekelgefühle gegenüber ihrem Körper. Wir erlebten Kontrolle und Misshandlungen durch Sprache, Anspielungen oder Vernachlässigung.

Dieser Vertrauensbruch sitzt so tief, dass wir heute als erwachsene Menschen diese Überlebensstrategien aus Kindheitstagen übernommen haben Wir sehnen uns nach Zuspruch, Bestätigung und Lob aus unserem Umfeld. Von unserem Partner, Chef, Kollegen, Nachbarn oder Bekannten. Solch eine Co-Abhängigkeit hat viele Ausdrucksformen.

Wenn wir uns diese Verhaltensweisen selbstkritisch etwas näher anschauen, werden wir so einige Abhängigkeiten in den Bereichen Liebe, Sex und Beziehungen entdecken. Diese Verhaltensweisen äußern sich als Sucht oder Vermeidungsverhalten. Kontrolle, Intensität und emotionale Unreife sind gemeinsame Nenner all dieser Verhaltensweisen. Sie wurzeln in fehlender Nähe zu uns selbst und anderen. Vor dieser wirklichen Nähe haben wir eine Heidenangst, weil sie uns an unseren alten Schmerz erinnert.

Liebessucht:

Wir sind süchtig nach verliebt sein, diesem berauschenden Gefühls – Cocktail aus diversen Glückshormonen. Wir bleiben in der Illusion einer Liebesgeschichte stecken. Und brauchen diese immer wieder aufs Neue. Manchmal unterhalten wir mehrere solcher „Pseudo – Beziehungen“ gleichzeitig. Dieses Verhalten hält uns von einer wahren und verbindlichen Beziehung ab, die grundsätzlich erst nach einer Liebesbeziehung beginnen kann. Dem drögen Beziehungsalltag mit all seinen notwendigen Kompromissen und Verbindlichkeiten. Versunken in dieser romantischen Fantasie, übersehen wir oftmals Warnzeichen und wählen Partner aus, die emotional nicht zugänglich sind. Wir wiederholen das Muster aus unserer Kindheit. Wir beziehen unsere ganze Identität aus dieser Beziehung. Oftmals benutzen wir schnellen Sex, um uns möglichst schnell zu verlieben oder den anderen verliebt zu machen.

Beziehungssucht:

Obwohl gerade erst wieder eine Beziehung zerbrochen ist, stürzen wir uns sofort ins nächste Abenteuer, in die nächste Beziehung. Andere bleiben trotz körperlicher oder seelischer Misshandlungen in einer ungesunden Beziehung. Manche suchen ihr ganzes Leben nach dem idealen „Seelenverwandten“, auch wenn sie gerade in einer festen Beziehung leben. Statt die Probleme mit dem derzeitigen Partner zu bearbeiten, suchen wir nach neuen Glücksgefühlen außerhalb der Beziehung. All dies ist Ausdruck von emotionaler Unreife – von einem Fliehen vor diesem alten Schmerz.

Ein weiteres Merkmal einer Beziehungssucht ist, dass wir in einer Beziehung bleiben, egal wie kräftezehrend, unbefriedigend oder frustrierend sie ist. Wir können es einfach nicht aushalten, alleine zu sein. Es fühlt sich wie innerlich zerrissen an, ja, in manchen Momenten sogar wie der (Seelen) Tod an. Wir können nicht loslassen, unser Leben nicht weiterleben, bevor wir eine andere Person in Sichtweite haben. Falls unser Partner die Beziehung beendet, sind wir bereit alles zu tun, um ihn zurückzubekommen. Wir setzen unser ganzes Arsenal an Manipulationen und Möglichkeiten an: wir betteln, wir drohen, wir umgarnen, wir wollen Sex. Wenn das alles nichts hilft, wir den Entschluss des Partners nicht ändern können, fangen wir so schnell wie möglich eine neue Beziehung an.

Sexsucht:

Auch bei einer Sexsucht geht es im wesentlichen darum, schmerzhafte und überwältigende Gefühle zu vermeiden. Diese Sucht können wir beispielsweise in außerehelichen Affären, Strip-Lokalen, exzessiven Pornokonsum und mehreren Geschlechtspartnern gleichzeitig ausagieren. Aufgrund der tiefen Scham und Zurückweisung aus unserer Kindheit, fürchten wir uns als Erwachsene vor echter Nähe und Liebe, auch aus der Angst heraus, von unserem Partner vereinnahmt oder kontrolliert zu werden.

Stattdessen kontrollieren und manipulieren wir andere durch unser sexuelles Verhalten. Wir suchen den nächsten „Kick“, der uns kurzzeitig von unserem alten Schmerz ablenkt. Solange wir eine sexuelle Beziehung zu einem Partner unterhalten, glauben wir, nicht verlassen zu werden. Eine ausgeprägte Sexsucht ist ein Mittel, um Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu erlangen. Sexualität als ein gottgegebenes Geschenk anzusehen, einem Mittel, um Vertrautheit und Intimität auszudrücken, fehlt einem Sexsüchtigen auf erschütternde Weise komplett in seinem Leben.

Wie so vieles im Leben, haben auch diese Verhaltensweisen ihre Polaritäten. Ebenso wie wir an einer Liebes, Beziehungs- und Sexsucht leiden können, können wir diese menschlichen Grundbedürfnisse in unserem Leben auch komplett vermeiden. Aus Angst vor Zurückweisung, Scham oder Verletzung vermeiden wir jegliche natürliche und gesunde Form von Liebe, Beziehung und Sexualität. Uns fehlt ein gesundes Selbstwertgefühl und unterliegen dem Irrtum, nicht für eine erfüllende Beziehung oder Sexualität zu genügen.

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Merkmale von Co-abhängigen und authentischen Beziehungen

Dein Ziel für eine angehende Partnerschaft sollte sein: Zunächst einmal eine Freundschaft aufbauen, diese dann weiter entwickeln lassen, wenn sie aussichtsreich erscheint, und erst dann in eine nächste, intimere Phase der Begegnung überzugehen. Dabei ist es wichtig, immer wieder auf deine Identität, Grenzen und Werte zu achten und dich mit deinem Partner aufrichtig und authentisch auszutauschen.

Co-abhängige Beziehungen:
Ich nehme Sex in Kauf, obwohl ich eigentlich Zuwendung möchte. Ich habe Angst, dich zu verlieren, wenn ich dir nicht gebe, was du willst.

Authentische Beziehungen:
Weil ich auf dem Weg der Heilung bin, stürze ich mich nicht mehr in Beziehungen. Ich möchte erste eine Freundschaft entwickeln, bevor ich zur nächsten Beziehungsebene wechsle.


Co-abhängige Beziehungen:
Ich spreche stundenlang mit dir über unsere traumatische Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, als ob ich dich schon mein ganzes Leben lang kennen würde. Du bist mein Seelenverwandter.

Authentische Beziehungen:
Ich nehme mir Zeit, dich kennenzulernen. Ich möchte mich vergewissern, dass du emotional erreichbar und fähig bist, mich zu lieben und zu respektieren, nicht bloß während der „ersten Verliebtheit“, sondern für längere Zeit.


Co-abhängige Beziehungen:
Ich baue eine Fassade auf, um deine Zustimmung zu erhalten. Ich glaube, du würdest mich zurückweisen, wenn du mein wahres Ich kennen würdest.

Authentische Beziehungen:
Ich habe keine Angst davor, dir emotional nah zu sein. Ich bin bereit, dir mein wahres Ich zu zeigen.


Co-abhängige Beziehungen:
Zusammen bilden du und ich ein Ganzes. Wenn du nicht da bist, fühlt es sich an, als ob etwas fehlt.

Authentische Beziehungen:
Wir kommen als zwei eigenständige Menschen zusammen, die sich gegenseitig im persönlichen Wachstum und Fortschritt ermutigen.


Co-abhängige Beziehungen:
Ich habe Angst, von dir verlassen zu werden, weil ich als Kind von jemandem, den ich liebte, verlassen wurde. Ich habe Angst, alleine zu sein.

Authentische Beziehungen:
Ich mir darüber im Klaren, dass ich erwachsen bin und fähig, für meine Bedürfnisse zu sorgen. Deshalb kann ich nie wirklich verlassen werden.


Co-abhängige Beziehungen:
Ich fühle mich unwohl, wenn du nicht anerkennst, was ich tue, wie ich mich kleide oder was ich sage.

Authentische Beziehungen:
Ich bin mit mir, meinen Charakterfehlern und allem im Reinen. Ich liebe und akzeptiere mich wie ich bin.


Co-abhängige Beziehungen:
Ich schaue nur auf deine schlechten Eigenschaften und sage dir, wie du dich ändern solltest.

Authentische Beziehungen:
Ich schaue hauptsächlich auf deine guten Eigenschaften und akzeptiere deine Charakterfehler. Ich erinnere mich daran, warum ich mich in dich verliebt habe.


Co-abhängige Beziehungen:
Wenn unsere Beziehung endete, würde ich mich depressiv, wütend, hoffnungslos und verstört fühlen. Ich würde so schnell wie möglich nach einem Ersatz suchen.

Authentische Beziehungen:
Wenn unsere Beziehung endete, wäre ich traurig. Bevor ich mich auf eine neue Beziehung einließe, würde ich mir die Zeit nehmen, den Verlust zu betrauern. Ich würde versuchen herauszufinden, was schief ging. Mein Selbstwert bliebe intakt, und ich würde dich noch immer mögen.


 

Wege der Heilung

Keine Frage: Es ist mitunter ein langer Weg, uns von unseren destruktiven Verhaltensmustern in unseren Beziehungen immer mehr zu lösen und gesunde und erfüllende Beziehungen zu führen. Es wird auch Rückschläge und Ausrutscher geben. Die gehören als Lernprozess dazu. All dies kenne ich von meinen eigenem Heilungsweg der letzten Jahre. Trotzdem möchte ich dich ermutigen, nicht aufzugeben, Geduld mit dir und dem Prozess zu haben.

Dir Austausch und Hilfe zu holen, zum Beispiel in Form von Selbsthilfegruppen:

Anonyme Alkoholiker
Anonyme Sexsüchtige
Co-abhängige Beziehungen

In deinem Heilungsprozess wirst du erkennen und lernen …

  • deine Grenzen zu setzen und zu bewahren.
  • für dich selbst zu sorgen. Das du es wert bist.
  • authentisch zu sein und das dies wichtiger ist als Anerkennung zu suchen.
  • dass du erwachsen bist, fähig und dafür verantwortlich, deine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Du bittest andere um das, was du brauchst, aber in dem Bewusstsein, dass du es vielleicht nicht erhalten wirst.
  • deine Meinungen und Gefühle anderen gegenüber auszudrücken. Auf eine konstruktive Art und Weise.
  • deine eigenen Interessen, Hobbys und Freunde beizubehalten.
  • damit aufzuhören, für andere zu tun, was sie selbst für sich tun können. Du lernst, die Grenzen anderer zu achten.
  • damit aufzuhören, andere mit Sex zu manipulieren, um Bestätigung und Anerkennung zu erhalten. Du lernst dich selbst so anzunehmen und gutzuheißen wie du bist.

Dein Ziel sollte es sein, zu einer gesunden und stabilen Beziehung zu kommen, allen voran zu dir selbst, indem du Eigenliebe spürst, aber auch in all deinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Von deinem süchtigen Verlangen loszulassen, von anderen Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen.

Im Hier und Jetzt zu leben, dankbar zu sein für das Geschenk des Lebens und zu erfahren, dass eine Kraft, größer als du selbst, dich immer geliebt hat und lieben wird. Ganz egal, welchen Namen du dieser Kraft geben möchtest. Nur so kannst du deine Wahrnehmung erweitern und dich von der zwanghaften Fixierung auf dich und andere lösen.

Auf diesem Weg wünsche ich Dir viel Kraft, Geduld und Hoffnung.

Kennst du Beziehungssucht bei Dir oder anderen?
Welche Erfahrungen hast Du in Deinen zwischenmenschlichen Beziehungen gemacht?

 

 

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Quelle:
Das Schälen der Zwiebel/Co-Dependents Anonymous, Inc.

Bild: unsplash.com

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Veröffentlicht von

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