In Zeiten von Bindungsangst und absoluter Freiheit: Was heißt es heute beziehungsfähig zu sein?

 
Kurze Vorbemerkung: Dies ist ein sehr persönlicher Artikel. Er spiegelt meine Erfahrungen und persönliche Meinung der letzten Monate zu den Themen Bindungsangst und beziehungsfähig sein wider. Vielleicht kannst du ja was für dich mitnehmen?

 
Sehnsucht beziehungsfähig zu sein in Zeiten von Bindungsangst und grenzenloser Freiheit


 
In letzter Zeit erlebte ich es nach einigen intensiven und emotionalen Kennenlernphasen immer wieder, in denen man sich zum Teil auch körperlich schon näher kam, dass von der Frau die Aussage kam: „Mein Gefühl reicht für mehr nicht aus“, oder „Ich will frei und unabhängig bleiben und mich nicht in eine Beziehung begeben“ oder „Ich bin noch nicht soweit, wieder Nähe zuzulassen“. 
 
Hier sei dazu gesagt, dass ich mich ganz bewusst für eine neue Beziehung öffnete, und falls es sich so anfühlte und mir der Charakter und einiges mehr passte, ich es der Frau auch so sagte: Hey, ich hab Bock auf Beziehung mit dir. Diese Aussagen bzw. Nein’s von Frauen, mit denen ich schon ein Stück weit gegangen bin oder eben auch nahe war, haben mich zum Nachdenken gebracht. Über die Beziehungsfähigkeit in unserer Zeit!
 
Vorab sei angemerkt, dass es natürlich immer passieren kann, dass man sich eine Zeit lang kennenlernt und dann doch einer von beiden merkt, dass es für mehr nicht reicht. Völlig klar. Völlig verständlich. Ebenso, dass man z.B. nach einer Trennung aus einer langjährigen Beziehung bewusst für eine gewisse Zeit nichts Festes eingehen, sondern seine Freiheit und sein (Single-)Leben genießen will (diese Phase hatte ich selbst die letzten 2 Jahre). Auch völlig legitim.
 
Aus meiner Beobachtung und Reflexion heraus stelle ich aber etwas anderes fest.
Zwei Dinge, die etwas tiefer vergraben liegen.
 
Zum einen:
 
Wir leben in einer Zeit der grenzenlosen Wahlmöglichkeiten, der Selbstverwirklichung und der individuellen Freiheit. Daraus resultieren zunehmend eine überbordende Egozentrik und ein maßloser Überfluss. Egal ob wir bei Mediamarkt oder Aldi vorm Regal stehen: Wir haben eine schier unglaubliche Auswahl. Wir haben die Wahl und die Freiheit, uns das zu nehmen, was uns gefällt. Diese Wahl und Freiheit jedes Einzelnen hat sich auf andere Lebensbereiche übertragen – auch auf unser Beziehungsleben – und scheint uns zu überfordern. Weil wir noch nicht gelernt haben, mit diesen Freiheiten in allen Bereichen umzugehen.
 
Die Autorin Vivian Dittmar schreibt dazu:

„Es ist diese wachsende Unabhängigkeit voneinander, die uns den Raum gibt, unsere Beziehungsformen immer selbstbestimmter zu wählen und somit unseren Lebenswandel immer freier zu gestalten. In diesem neuen Raum der Wahlmöglichkeit, hat sich etwas erstaunliches getan: immer mehr Menschen wollen Beziehungen nicht mehr so leben, wie sie Jahrtausendelang gelebt wurden. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einer Form des Miteinanders, wie sie weder unsere Eltern noch unsere Großeltern gelebt haben. Nüchtern betrachtet ist das irrwitzig: Wir sehnen uns nach etwas, wofür wir keine Vorbilder haben.“
 
Die alte Form des „Miteinanders“ war oft von einem Machtgefälle in unseren Beziehungen geprägt. Das brachte nicht nur Schlechtes mit sich. Man musste sich in diesen Beziehungen nicht zwangsläufig mit sich selbst auseinandersetzen. Doch bei einer neuen Form des Miteinanders geht es um eine Augenhöhe zwischen den Partnern. Und hierbei ist es unumgänglich, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt, mit seinen Ängsten, Mustern usw. – und so auch dem Partner begegnet (was zwangsläufig zu Reibung / Auseinandersetzung führt, nach der Verliebtheitsphase, eben echte Beziehung.) Und dem wollen viele aus dem Weg gehen. Dann lieber zum Nächsten, bei dem ich mich geborgen und sicher fühle, alles in Watte gepackt ist, zumindest solange die Verschmelzungs- und Harmoniephantasien anhalten).
 

 

 

Zum anderen:
 
Neben dieser sehr treffenden Feststellung nach der Sehnsucht nach neuen Beziehungsmodellen für unsere Zeit, kommt für mich noch eine zweite Sache hinzu: Die Verletzungen und Frustrationen aus den Bindungserfahrungen mit unseren ersten Pflegepersonen (meist die Eltern).
 
Das ist sicherlich ein alter Hut, dass jeder von uns gewisse Prägungen (oder eben Verletzungen) aus seiner frühkindlichen Zeit mit ins Erwachsenenalter mitgenommen hat. Doch Fakt ist auch, wenn wir uns als Erwachsene nicht bewusst und aktiv mit diesen Prägungen, Glaubenssätzen und verdrängten Emotionen auseinandersetzen, dann holt uns dies unser ganzes Leben immer wieder ein – allen voran in unserem Beziehungsleben.
 
Schon seit Jahren machen Therapeuten und Autoren darauf aufmerksam, dass vielen von uns ein gesundes Maß an Urvertrauen fehlt, das ausschließlich in der Kindheit gelegt wird. Und dies mit so die Hauptursache für unsere (Selbstwert-)Probleme im Leben wie in Beziehungen ist (ja manche sagen sogar für unsere Probleme in der Welt mit gewissen „Machthabern“).
 
Autoren wie die bekannte Psychologin Stefanie Stahl es in ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden*“ beschreibt:
 
„Ist die innere Balance zugunsten der Autonomie gestört, dann hat dieser Mensch ein überhöhtes Bedürfnis, frei und unabhängig zu sein. Als Folge vermeidet er – bzw. das Schattenkind in ihm – zu (nahe) menschliche Bindungen. (…) Sicherheit bedeutet für diesen Menschen also, sich seine Unabhängigkeit und persönliche Autonomie zu bewahren. Psycho-logischerweise haben diese Menschen Probleme damit, sich eng an jemanden zu binden, also einer Liebesbeziehung zu vertrauen. Sie leiden also unter Bindungsangst, das heißt, sie gehen entweder keine Partnerschaft ein, oder sie lassen den Partner nicht wirklich nah an sich heran bzw. stellen sie nach Momenten der Nähe immer wieder Distanz zu ihm her.“
 
Eben dieses Verhalten meine ich in den letzten Wochen bei meinen Begegnungen beobachtet zu haben. Nach Momenten der Nähe, zum Teil sogar über einen längeren Zeitraum, wurde es dann irgendwann zu „eng und nahe“. Die persönliche Autonomie war in Gefahr, und damit kam eine alte Angst hoch, vereinnahmt zu werden. Der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt ist ein menschlicher Grundkonflikt, bei dem jeder für sich seinen Weg bzw. seine Balance finden muss.


Was können wir tun?


 
Ich kann nur von mir reden. Mir persönlich hat es schon sehr geholfen, dass ich mir dieser Tendenzen und Prägungen in mir bewusst wurde. Ich die Sehnsucht und die Verlassenheitswunde meines inneres Kindes spüre – und, das ist entscheidend – selbst halten konnte und kann. Natürlich nicht immer, aber doch immer öfter in letzter Zeit. Wenn du dir deiner Angst vor Abhängigkeit und / oder Verlust deiner Autonomie bewusst bist, gleichzeitig aber auch deiner Sehnsucht nach Nähe und Bindung (ein psychologisches Grundbedürfnis!) kannst du mit der Zeit immer besser auf eine gesunde Balance zwischen diesen beiden menschlichen Bedürfnissen achten.
 
Aufgrund der Skizzierung weiter oben glaube ich aber, dass es für die meisten heutzutage darum geht, sich ihrer Abhängigkeit gegenüber anderen Menschen einzugestehen. Das heißt, dass wir als menschliche Wesen seit jeher auf die Kooperation, Hilfe und Wertschätzung von anderen Menschen angewiesen waren und sind – ja auch heute noch in Zeiten der absoluten Freiheit und Unabhängigkeit. „Wir brauchen einander“, wie es die Autorin Vivian Dittmar so schön und präzise beschreibt.

 


 
Als freiheitsliebender Mensch, den seine Unabhängigkeit und Autonomie immer heilig war, war dieser Satz für mich erstmal ein Schock. Er löste Widerstand in mir aus („Was? Ich komme alleine klar“).  Aber wenn ich ganz ehrlich in mich hinein fühlte, dann meldete sich mein verletztes inneres Kind mit einem leisen „Ja, das stimmt. Ich brauche jemanden .. und zwar dich als liebevollen inneren Erwachsenen.“ 
 
Dein Persönlichkeitsanteil mit all den Prägungen aus deiner Kindheit (= inneres Kind) braucht erstmal dich als reifen, verantwortlichen und reflektierten inneren Erwachsenen. Der es manchmal an die Hand nimmt, der es manchmal tröstet und der es manchmal auch im Zaum hält und ihm Grenzen aufzeigt.

 
Es gibt eben einen riesengroßen Unterschied zwischen einem absolut bedürftigen „Ich-brauche-jemand-anderen-um-mich-gut und-wertvoll-zu-fühlen“ und einem zentrierten „Ich wünsche mir deine Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit“  in Form einer Bedürfnisäußerung, ohne sich von dessen Erfüllung durch das Gegenüber abhängig zu machen (weil immer und zu jeder Zeit einzig und alleine DU für die Befriedigung deiner Bedürfnisse verantwortlich bist!)
 
Der erste Satz kommt aus einem Mangel- und Traurigkeitsgefühl. Der zweite aus einer inneren Fülle und Mitte.
 
Der erste Satz ist schnell dahin gesagt, in Phasen von Einsamkeit, in denen man sich selbst nicht halten kann und hofft, jemand von außen nimmt einem diese „Last“ ab. (Emotionale)Abhängigkeit wird dann zu einem Problem, wenn wir uns wünschen, dass es da jemanden gibt, der Verantwortung für unsere Bedürfnisse übernimmt, so wie wir es als Kinder gebraucht hätten. „Diese – meist unbewusste – Grundhaltung lässt sich in folgender Aussage zusammenfassen: „Ich brauche dich, um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb bist du für meine Bedürfnisse verantwortlich“, schreibt Vivian Dittmar in ihrem Buch „beziehungsweise“ dazu.
 
Der zweite Satz, der mit der Bedürfnisäußerung, kommt hingegen aus einer inneren Mitte, und vor allem aus einer radikalen Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle heraus. Dazu bedarf es Mut und ein geöffnetes Herz, um sich so vor einem geliebten und geschätzten Menschen zu offenbaren. Dieser Mut lohnt sich aber. Der Gewinn: Es entsteht Nähe, Vertrauen, Intimität – insofern der Andere das erwidern kann. 


 
Deshalb werde ich es immer wieder tun, wieder und wieder, auch wenn es jedes Mal bisher natürlich ein wenig weh getan hat. Wenn es sich aus meiner Mitte heraus so anfühlt, wenn mein Herz jubelt und hüpft, wenn ich einfach mein Bedürfnis danach spüre, dann spreche ich es aus: „Hey, ich finde dich toll, ich mag dich. Auch wenn es mir ein wenig Angst macht, möchte ich es wagen: Ich habe Bock weiterzugehen mit dir. Weiter zu forschen, weiter zu fühlen und schauen was da alles kommt, was da alles entstehen kann, in diesem aufregenden Feld namens Beziehung, Nähe, Verbundenheit, Liebe zwischen uns. Kommst du mit auf diese Abenteuerreise, auch wenn wir beide gerade noch nicht wissen, wohin sie führt?“ 

 
Eines Tages wird sie vor mir stehen, die Frau, die bereit und willens ist, sich ihren Bindungsängsten in einer Beziehung zu stellen und Ja statt JEIN zu sagen.
 
Gegen den Trend der absoluten Unabhängigkeit in unserer Zeit. 
Ein Appell für eine gesunde Form von Abhängigkeit und das wir einfach einander brauchen, um ein glückliches Leben zu führen!
Gerade heute in Zeiten von zunehmender Selbstbezogenheit und Narzissmus.


 
Wie siehst du es?


 
 
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Bücher:
Stefanie Stahl: Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden
Vivian Dittmar: beziehungsweise. Beziehung kann man lernen


Bild: unsplash.com

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Hi, ich bin Oliver: Autor, Coach und ganz Mann. Ich schreibe über Entwicklung, ganzheitliche Männlichkeit und Sensibilität. Als Coach helfe ich Menschen, die sich gerne mal aufopfern, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und durchzusetzen. Nach einer beruflichen Auszeit habe ich heute mit meiner Arbeit meine Leidenschaft und Mission gefunden!

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17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Oliver,
    ich kenne zwar keinen Menschen, der sich auf diese Weise ausdrücken würde, und das würde auch niemand bei mir tun, weil „cool“ und „locker-lässig“ einfach nicht meine Art ist. Aber da Du es als Beispiel genannt und offenbar zu den Frauen so gesagt hast, nehme ich bezug darauf:

    Also ehrlich gesagt, wenn ein Mann zu mir sagen würde: „Hey, ich hab Bock auf eine Beziehung mit Dir“, dann würde ich sofort entsetzt die Flucht ergreifen!
    Zum einen wegen der sehr plumpen, lapidar daherkommenden Formulierungsweise (ist natürlich Geschmackssache, wers mag, den wird es nicht abstoßen), die so klingt und den Eindruck vermittelt, als wenn die betreffende Frau austauschbar wäre und nicht einzigartig.
    Genauso könntest Du sagen „Hey, ich hab heute Bock auf Kino“. Du wertest solch etwas Großes, Kostbares, Besonderes wie eine Herzensbeziehung (das große Lebensglück, von dem wir alle im Stillen träumen) durch solch einen banalen, plumpen Spruch vollkommen ab.

    Deine Aussage „In letzter Zeit erlebte ich es nach einigen intensiven und emotionalen Kennenlernphasen immer wieder, in denen man sich zum Teil auch körperlich schon näher kam,…“ klingt so, als wenn Du in den letzten 12 Monaten mindestens 5 Frauen näher kennengelernt hast und somit laufend wechselst, so nach dem Motto „wenns mit der einen nicht klappt, dann such ich mir halt die nächste“.
    Sorry, wenn ich das so offen sage, aber Du hast Dich mit dem Thema in die Öffentlichkeit begeben, daher mußt Du auch mit unerwünschten Reaktionen rechnen. Auf mich wirkt das so, als wenn Du unbedingt eine feste Beziehung willst und die Frauen beliebig austauschst. Und das strahlst Du dann auch aus. Keine seriöse Frau mit Selbstachtung und ernsthaftem Beziehungswunsch würde sich auf einen Mann emotional nah einlassen und erst recht nicht in ihren kostbaren Körper hineinlassen, wenn sie solch eine Energie unbewußt oder bewußt bei Dir wahrnimmt. Eine anspruchsvolle Frau möchte schließlich Exklusivität und nicht Beliebigkeit.
    Solange Du im Such-Modus bist und immer wieder neue Bekanntschaften hast, wirkst du eher verzweifelt. Vielleicht versuchst Du mal einen anderen Weg… nämlich dem Leben zu vertrauen, daß Du der richtigen Frau zur richtigen Zeit begegnen wirst.

    Zum anderen würden sich viele Frauen von solch einem planvollen, WOLLENDEN Satz sehr bedrängt fühlen. Warum kommst Du gleich mit dem großen Wort „Beziehung“? Du muß dem Miteinander doch nicht nach ein paar Monaten (oder gar Wochen?) Kennenlernen schon einen Stempel aufdrücken und somit einen Erwartungshaltung vermitteln. Keine selbstsichere Frau würde sowas wollen, völlig unabhängig von ihrer Prägung.

    Laß es doch einfach langsam angehen und genieß einfach jeden Moment mit einer Frau. Zeig ihr, daß Du gern Zeit mit ihr verbringst, daß Du sie wertschätzt und vollkommen annimmst in ihrer Persönlichkeit, OHNE mit ihr schlafen zu wollen oder überhaupt etwas von ihr zu wollen. Einfach nur miteinander SEIN!!!
    Alles weitere wird sich daraus von allein entwickeln, wenns die Richtige ist.
    Dieses Wollen und Erwarten, das man sofort spüren kann, wirkt auf jede erwachsene Frau immer emotional bedürftig, aufdringlich und abschreckend. Toll finden sowas nur ebenso bedürftige „Frauen“. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche, denn es gibt auch sehr viele weibliche Klammeräffchen, die einem Mann bedürfig hinterher telefonieren und ständig jeden 2. Tag Kontakt brauchen, jeden Abend Gute-Nacht-Kuß per sms oder laufend fragen, „was machst Du gerade?“ oder „wie war Dein Tag heute?“ oder „wieso hast Du gestern nicht angerufen?“ usw. Ich kannte mal so einen Mann, der mir die Luft zum Atmen nahm und ständig alles wissen wollte. Unsagbar nervig, belastend und übergriffig. Da fühlte ich mich eher wie die Mama und nicht wie eine Frau.

    Und Dein Satz „Ich brauche deine Nähe, Zeit und Gesellschaft“ in Form einer Bedürfnisäußerung“ bestätigt genau meinen Eindruck. Jemanden zu brauchen erzeugt sofort große Enge und Druck, so daß man als Frau gar keine andere Wahl hat, als auf Abstand zu gehen.
    Wenn Du stattdessen denken/sagen würdest: „Ich würde gern….“ oder „Ich wünsche mir….“ oder „Ich genieße die Zeit mit Dir immer sehr“ – das hat eine völlig andere, nämlich angenehme Energie.
    Vielleicht solltest Du Dich mal in der großen Kunst üben, wozu die wenigsten Menschen fähig sind:
    Annehmen und genießen, was IST.

    Viele Grüße,
    Regina

    • Hallo Regina,

      danke für deinen sehr ausführlichen, kritischen Kommentar. Und deine Anregungen (auch wenn ich einiges als überzogen/anmassend/völlig falsch interpretiert empfinde).

      Stimmt. Wenn ich mich damit in die „Öffentlichkeit“ begebe, dann muss ich auch mit solchen Reaktionen wie deinen rechnen – und das ist völlig ok und kann ich mit leben.

      Vieles von dem was du ansprichst, mit dem Sein, ohne Wollen und Erwartungen ist absolut richtig. Auch, wie manche Sätze bedürftig rüber kommen können bei einer „erwachsenen Frau“. Und ja, trotz vieler Arbeit, Reflexion usw. komme ich sicherlich immer wieder mal bedürftig im Sinne von „kindlich bedürftig“ aus einem Mangel rüber. Wie viele übrigens. Aber ich will nicht ausweichen. Ein Thema, was mein Thema ist, und vielleicht auch immer so bleiben wird.

      Und eben, ich keine Lust mehr habe mich vor dieser Bedürftigkeit zu verstecken. Und trotz aller Eigenverantwortung & Erkenntnis & Reflexion mal durchblitzt, und eine Frau, trotz dem Wahrnehmen dieser Bedürftigkeit weiter Interesse hat mich kennenzulernen (und zwar ohne das sie selbst krass in dieser Ecke steht). Mir geht es immer mehr um echt sein, ohne irgendwie zu performamen oder mich verstellen zu müssen.

      Nur im Sein und JETZT zu sein – oh ja, seit 15 Jahren übe ich mich darin (u.a. mit Meditation) und es ist ein hehres Ziel. Es gelingt mal besser, mal schlechter, und genau so, als fortwährende Übung habe ich das auch bei allen großen „Meistern“ in dieser Sache verstanden.

      Das mit dem sich Zeit nehmen, es langsam angehen, einfach Zeit miteinander verbringen (ohne zu viel zu erwarten – geht das überhaupt?), darauf achte ich schon länger, und mache es gerade im Kennenlernen einer Frau noch verstärkter.

      Zu deiner Vermutung oder Interpretation meiner Worte, dass ich „Frauen auswechsle“: Nein, das ist nicht so, sondern ich habe gewisse Erfahrungen in den letzten 2 Jahren, und in letzter Zeit, gemacht, und daraus ist die Idee des Artikels entstanden, weil ich denke, dass dieses Thema viele betrifft. Ebenso hast du das völlig falsch verstanden (und finde das auch anmassend), dass ich von Frauen immer wieder zurückgewiesen wurde, wenn ich mich so öffnete.

      Zum Thema wollen bzw. einer Frau meine Lust bzw. Begehren zu zeigen, habe ich eine eigene Meinung /Erfahrung als Mann. Aus meiner Erfahrung will das jede Frau ein Stück weit spüren von dem Mann. Aber natürlich kann es kippen in Richtung „Ich brauche dich“.

      Und trotzdem bleibe ich dabei, was auch Vivian Dittmar und Stefanie Stahl sagen: Es gibt einen Unterschied zwischen einem kindlichen und erwachsenen Brauchen/abhängig sein. Und ist es eben ein Schlachtruf unserer modernen Zeit: Ich brauche niemanden. Ich will unabhängig und frei bleiben (wiederum aus Angst vor Abhängigkeit, Vereinnahmung usw.->Bindungsangst)

      „Umgekehrt gilt natürlich das gleiche, denn es gibt auch sehr viele weibliche Klammeräffchen, die einem Mann bedürfig hinterher telefonieren und ständig jeden 2. Tag Kontakt brauchen, jeden Abend Gute-Nacht-Kuß per sms oder laufend fragen, „was machst Du gerade?“ oder „wie war Dein Tag heute?“ oder „wieso hast Du gestern nicht angerufen?“ usw. Ich kannte mal so einen Mann, der mir die Luft zum Atmen nahm und ständig alles wissen wollte. Unsagbar nervig, belastend und übergriffig. Da fühlte ich mich eher wie die Mama und nicht wie eine Frau.“
      -> Oh ja. Genau solches Verhalten spiegelt für mich eine komplette emotionale Abhängigkeit/Verschmelzung wider, in Form, wie es im Text steht, du bist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht (wenn du nicht sofort antwortest, bin ich sauer/ gekränkt usw.). Solch ein Verhalten möchte ich hier ganz sicher nicht propagieren, lege es selbst nicht an den Tag und würde mir ziemlich schnell auf die Kette gehen (und wahrscheinlich würde ich den Kontakt relativ schnell beenden)

      Wie ist es eigentlich bei dir, Regina, mit deiner Bedürftigkeit, alten Mustern bzw. in Beziehung gehen, Annehmen und genießen, was IST? Aufgrund deines sehr reflektierten und fundierten Kommentars bin ich einfach neugierig und lerne immer gerne etwas dazu.

      Viele Grüße, Oliver

  2. Hallo Oliver,
    freut mich, daß Du so gut mit meinen kritischen Anmerkungen umgehen kannst und auch immer gerne dazulernst. Ich lerne auch jeden Tag dazu. Das ganze Leben ist ja ein permanenter Lernprozeß.
    Bzgl Deiner Frage zu meiner Persönlichkeit werde ich Dir lieber direkt etwas erzählen; möchte das nicht alles öffentlich schreiben.
    Viele Grüße,
    Regina

    • Noch ein Nachtrag zu deinem Kommentar:

      Der entscheidende „Switch“, der in den letzten 1-2 Jahren bei mir stattgefunden hat ist, dass ich aufgehört habe, die „Fehler, Probleme“ nur bei mir zu sehen, zu suchen!

      Ich bin von Natur aus ein sehr reflektierter und auch selbstkritischer Mensch. Oftmals ist es nach „Neins“ von Frauen in die Richtung ausgeschlagen, dass ich überlegt habe, was ich „falsch“ gemacht habe, ob ich zu viel Gefühl gezeigt /geäußert habe, ob alles zu schnell ging usw.

      Das ist aber nie so – es gehören immer zwei dazu! Gerade die jüngsten Erfahrungen haben mir das bestätigt (eine Frau sagte zu mir auch ganz klar, dass es ihr Thema sei, das mit der Angst vor Bindung / Beziehung, und nichts mit mir zu hätte). Klar, in gewisser Weise hat es auch immer was mit mir zu tun (Stichwort: Ausstrahlung).

      Aber es liegt aus meiner Sicht auch wirklich daran, dass viele Menschen heute, auch Frauen, eben im Herzen nicht wirklich frei bzw offen sind, sich ihrer Ängste / Muster nicht bewusst sind und wir eben in einer maskulinen, funktionierenden, rationalen Leistungsgesellschaft leben (die sich immer schneller dreht). Dieses „ständige grübenln/abwägen/analysieren“ im Beruf sich auch auf das Privat / Beziehungsleben überträgt (Motto: es kann immer noch einen perfekteren Partner geben)!

      Deshalb sehe ich es als Errungenschaft, ja ich benenne es so, als gewisse Reife, die ich als Mann und Mensch gefunden habe, dass ich irgendwann verstanden habe, dass es nur einen Weg für echte Verbindung / Nähe / Liebe gibt: mich immer wieder öffnen, mein Herz, verletzlich und offen zeigen, auch meine Schattenseiten.

      Meine Gefühle spüren und ausdrücken können (in erwachsener Form). Und dabei immer wieder in mir selbst Halt finden und in Verbindung mit dem Gegenüber gehen. Natürlich ist das schnell hingeschrieben, es ist ein Weg, und ich bin da schon wachsamer geworden, aber letztlich ist es so. Alles andere – sich verschließen und von den Gefühlen abschneiden – führt letztlich zu Verbitterung, Frust, Depression und Vereinsamung (alles weit verbreitet heutzutage).

      Auch darauf will ich mit dem Artikel hinweisen.
      Erfahrungen / Anmerkungen / Widerspruch dazu erlaubt und erwünscht 🙂

  3. Hi Oliver,
    deinen Text finde ich total klasse!!!!! Die „überbordene Egozentrik und ein maßloser Überfluss“ hat, so finde ich, als negative Seite eine gewisse Art Verrohung der Gesellschaft und ein Wertezerfall, so nach dem Motto, ich mache mir die Welt so wie sie mir gefällt. Klar schein das viele zu überfordern, weil es aber auch ein Stück weit in die Verantwortungslosigkeit geht.
    Ja es ist das bewusste Erkennen als ersten Schritt in die Selbstverantwortung, dass ich es selbst bin, der erst mal mich selbst lieben darf, mein inneres Kind oder wie das jeder nennen möchte… Wie heißt es so schön in der Bibel: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!!!
    Ja wie du so schön schreibst: „es braucht erstmal den reifen, verantwortlichen und reflektierten inneren Erwachsenen.“
    Ja wir sind in erster Linie soziale Wesen, die erst im Dialog mit einem Du wachsen und reifen können…. bevor wir in einen „erleuchteten“ Zustand eintreten können 🙂 😉 mit uns selbst oder einem anderen gereiften Menschen…

  4. Ein paar alternative Gedanken:

    a) Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das ist ziemlich sicher. Aber Ameisen sind das auch. Und die kennen keine Paarbindung. Das bedeutet, es ist völlig unklar, ob der Mensch ein „Beziehungswesen“ im Sinne einer ‚exklusiven und auf Dauer angelegten Paarbindung‘ ist. Womöglich – sogar wahrscheinlich – reichen soziale Kontakte jeder Art (bis hin zum Nachbarn, mit dem man sporadisch ein paar Worte wechselt), um das Grundbedürfnis nach sozialer Interaktion zu befriedigen.

    b) Die Tatsache, dass der Mensch autonom wird, sobald er nicht mehr unmittelbar abhängig ist von sozialen Beziehungen (Familie, Dorfgemeinschaft etc.) ist ein klarer Beleg dafür, dass er allerdings doch mehr ist als einfach nur ein ’soziales Wesen‘ – und dass die ‚gute alte Zeit‘ bevorzugt aus Zwang bestand, dem wir uns damals beugen mussten, um zu überleben. Es hat Gründe, dass wir Menschen den Individualismus entdeckt haben, sobald wir ihn uns materiell leisten konnten – Gründe, die in uns selbst liegen. Das einfach nur als emotionale Verwahrlosung anzusehen, ist ein bisschen zu einfach.

    c) Dass der Mensch im Allgemeinen die Fähigkeit zur Paarbindung besitzt, bedeutet nicht, dass er das unbedingt braucht für sein Lebensglück. Wir haben auch die Fähigkeit (und sicherlich manchmal den verdammten Wunsch), wahllos mordend durch die Welt zu laufen. Das ist ebenfalls ein sehr starkes Gefühl, durchaus vergleichbar mit anderen Emotionen. Aber da haben wir gelernt, dass es besser ist, sich zusammenzureißen…

    d) Historisch betrachtet war die Ehe seit Menschengedenken kein Ort intimer Zweisamkeit, sondern eine Wirtschaftseinheit, die dem Überleben und der Fortpflanzung diente. Vertrauen und emotionale Nähe waren sicherlich möglich innerhalb einer Ehe, aber wahrscheinlicher innerhalb gleichgeschlechtlicher Freundschaften (die nicht zwangsläufig eine erotische Komponente hatten, aber vermutlich häufig).

    e) Der Wunsch nach Sexualität ist schon mal gar nicht zwingend mit dem Wunsch nach einer Beziehung verbunden. Irgendwo gibt es da Überschneidungen, die gerne generalisiert werden. Möglicherweise ist es für einen Mann sogar schlicht praktischer, eine feste Beziehung für regelmäßigen Sex anzustreben, als (ich verstehe das sehr gut, das ist ja auch ziemlich nervig) immer wieder von Neuem umständlich um eine Frau werben zu müssen.

    f) In einer Beziehung haben Frauen oftmals das Gefühl, den Hauptteil der sog. ‚Beziehungsarbeit‘ leisten zu müssen. Ob das objektiv zutrifft, steht auf einem anderen Blatt, aber subjektiv empfinden Frauen eine Beziehung oft als einengend und fühlen sich ohne Beziehung freier. Nur außerhalb einer Beziehung können sich Frauen – vermeintlich – entfalten. Dieses Gefühl ist zumindest nicht gänzlich unbegründet: Selbst im Buddhismus (der ja als vergleichsweise wenig repressiv gilt) ist es Usus, dass ein Mann (so wie Buddha selbst es getan hat!) seine Familie verlässt, um zur Erleuchtung zu gelangen (sprich: sich selbst zu verwirklichen), während die Frauen bei den Kindern bleiben (müssen). Da ist nix mit Selbstverwirklichung. Die Geschichtsbücher zeigen über alle Zeitalter hinweg: Sich selbst entfalten konnten Frauen nur außerhalb der Ehe – die ja damals die einzige statthafte Form der Paarbindung war. Ist diese Denkweise wirklich verschwunden aus unseren Köpfen? Sicher? Kann man es Frauen übel nehmen, wenn sie sich darauf nicht einlassen wollen?

    g) Und nun die Frage aller Fragen: Wie groß ist eigentlich die Gefahr, dass Frauen bei einem Mann, der sich als sensibel bezeichnet, in die Rolle der fürsorglichen „Mami“ rutschen und nicht wissen, wie sie das verhindern können? Das ist ein Punkt, an dem definitiv die Frauen an sich arbeiten müssen, keine Frage. Nur: Was ist denn, wenn dieser – ich nenne es mal – Mutterreflex einfach da ist, sobald jemand sich verletzlich (also quasi schutzbedürftig) zeigt? Wie damit umgehen? Oder liegt es am Ende doch wieder in der Verantwortung des Mannes, ganz klar und deutlich, wirklich unmissverständlich aufzuzeigen, dass er die volle Verantwortung für sein eigenes Leben übernommen hat? Ich selbst kenne zumindest genügend Männer, die mir unterschwellig signalisieren, dass sie eine Art Mami suchen, die ihnen sagt, wo es lang geht. Nun ist das ja nicht zwingend etwas Schlechtes: nicht, wenn die Frau diese Rolle gerne übernehmen möchte. – Schwieriges Terrain…

    • Hallo Katrin,

      danke für deine „alternativen“ Gedanken oder einfach andere Sicht auf gewisse Dinge.

      Zu deinen Punkten a – e: Sehe ich komplett anders. Und habe ich versucht im Artikel zu begründen. Einmal aus meiner eigenen Erfahrung und zum anderen, wenn ich aktuelle wissenschaftliche, psychologische Studien / Erkenntnisse mir so anschaue zum Thema Grundbedürfnisse, Bindungsverhalten usw. Ich persönlich glaube, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem (neben allen Errungenschaften) uns gerade als soziale Wesen krank macht (als Beispiel seien nur die vielen toten Menschen in Wohnungen in Großstädten angeführt, die zum Teil monatelang in ihren Wohnungen lagen – nobody cares! Oder die wachsende Burn-Out/Depressions-Rate)

      Punkt g: heikles Thema – für viele Männer. Was du ansprichst geht in die Richtung „Nice Guy“, emotionale Abhängigkeit. Die gibt es sicher bei vielen Männern, und hatte ich jahrelang zum Teil auch. Jede Frau, die ich in den Jahren kennengelernt habe, oder darüber gesprochen haben, fand es mehr als abturned, wenn sie merkt, der Mann „braucht“ etwas von mir, er steht für sich nicht ein, redet mir ständig nach dem Mund usw. Ich glaube, die wenigsten Frauen wollen für einen Mann die „Ersatzmama“ mimen, außer sie brauchen genauso etwas von dem Mann 🙂 Umgekehrt würde ich das auch nicht wollen, abturend finden, wenn ich quasi den „Ersatzpapa“ für eine Frau in einer Beziehung sein soll. Aber wie du sagst: Heikles, komplexes Thema (gibt dazu unzählige Artikel, auch zum Teil auf meinem Blog).

      LG Oliver

  5. „Eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Partnern führt zwangsläufig zu Reibung und Auseinandersetzung?“ Jetzt kann jeder diese Begriffe für sich selbst definieren. Da du allerdings anschliessend schreibst, dass viele dem aus dem Weg gehen wollen, vermute ich eine negative Konnotation mit diesen Begriffen. Ich sehe diese Zwangsläugigkeit nicht so. In meiner 1,5 jährigen Beziehung auf „Augenhöhe“, in der wir komplett offen, frei und zu 100% ehrlich miteinander sind, habe ich bisher nur 2x eine kleine Meinungsverschiedenheit gehabt, die wir ohne negative Emotionen diskutiert haben. Jedes mal so 10 Minuten in und reingefühlt haben, wie es uns damit geht, den anderen verstehen und anschliessend ein Agreement treffen, wodurch dieses Thema keine Meinungsverschiedenheiten mehr hervorruft. Seit diesen Agreements gab’s das auch nicht. Ich liebe Augenhöhe und sehe da nichts negatives drin, vor dem ich weglaufen würde 🙂

    • Hi Nils 😉

      danke für deinen Kommentar.

      Ich sehe auch nichts Negatives bei einer Beziehung auf Augenhöhe – ganz und gar nicht.

      Vivian Dittmar schreibt in „beziehungsweise“: „Liebe kann bedingungslos sein, Beziehung nicht. Wir hören de facto auf, uns auf andere zu beziehen, denn sich zu beziehen ist nun mal eine zutiefst duale Angelegenheit. Diese duale Form der Liebe ist nicht bedingungslos, sie ist jedoch in hohem Maße beziehungsstiftend. Für diese Form der Liebe gibt es auch ein ganz eigenes Wort: Es handelt sich um Wertschätzung.“

      Was sie damit meint (und auch ich aus meiner Erfahrung) ist, dass Beziehungen – jenseits von Wolke 7 und Verliebtheit -immer ganz viel mit Bedürfnissen bzw. Bedürfniskompatibilität zu tun haben. Die können sehr ähnlich sein, oder auch sehr verschieden, und dann beginnt die „Beziehungsarbeit“, wenn man beide Bedürfnisse als gleichwertig ansieht.

      Ist vielleicht etwas hölzern hier rüberzubringen, in ihrem Buch ist das sehr gut erklärt und hat mir viel Verständnis in dieser Richtung gegeben.

      Beste Grüße Oliver

  6. Hallo Oliver,

    Punkt g ist vor allem deshalb heikel, weil er impliziert, dass Menschen nur dann wirklich reif sind für eine Beziehung, wenn sie gar keine brauchen. Und wenn wir keine Beziehung brauchen, dann liegt es völlig in unserem eigenen Ermessen, ob wir eine eingehen oder nicht. Und wenn es in unserem eignen Ermessen liegt, ob wir eine Beziehung eingehen oder nicht, dann ist jede Kritik an der dazu getroffenen Entscheidung hinfällig: Es ist nämlich schlicht überflüssig, Dinge zu bewerten, die tatsächlich gleichwertig sind.

    Daran ändern auch irgendwelche wissenschaftlichen Erkenntnisse nichts, die ja doch nur den Horizont der Wissenschaftler abbilden und somit eine Eindeutigkeit und Klarheit suggerieren, die sie gar nicht besitzen. Die Wissenschaft ist voll von schlampigen Messungen und falschen Schlussfolgerungen. Daran sein Lebensglück zu hängen, ist womöglich unklug.

    Und deine persönlichen Erfahrungen sind… nicht allgemeingültig. Für mich (also für mein Leben) sind sie faktisch irrelevant. Ich muss mich ja an mir selbst orientieren, nicht an dir. Und zu dieser Orientierung gehört für viele Frauen auch Punkt f: Sie haben die Erfahrung gemacht, in einer Beziehung eingeschränkt zu werden; mehr als sie es eigentlich möchten. Wenn sie sich dann entschließen, lieber alleine bleiben zu wollen, dann ist das deren ureigenste Entscheidung, die einfach nur Respekt verdient. (Klar: Dieser Respekt geht flöten, wenn diese Frau dann wiederum anfängt rumzujammern. Wer sein Leben nach eigenem Ermessen lebt, sollte sich hinterher nicht beschweren, sondern selbstkritisch sein. Und sein Leben akzeptieren, so wie es ist.)

    Unter dem Deckmantel der Empathie und des Wunsches, die Welt zu verbessern, andere Lebensentwürfe zu bewerten, vielleicht sogar voller Mitleid auf andere herabzuschauen – all das ist arrogant und überheblich. Das schreibe ich deshalb so deutlich, weil ich selbst schon oft aus wohlmeinender Einfühlsamkeit heraus mental übergriffig geworden bin, ohne es zu merken. Nicht aus Böser Absicht. Aber das ist im Endeffekt egal: Ich bin ein arroganter Schnösel, wenn ich auch nur eine Meinung (!) habe zu dem, was andere tun. Das steht mir nicht zu. – Und, nein, das bedeutet nicht, dass ich Hilfe verweigere oder asozial bin. Ich bin sogar sehr empathisch und spüre unterschwellige Empfindungen ziemlich stark. Wenn jemand unglücklich ist, belastet es mich – und zwar gerade dann, wenn der andere sein Unglück verbirgt und ich mit der Diskrepanz zwischen ‚Außen‘ und ‚Innen‘ klar kommen muss und nicht weiß, auf welche Signale ich denn jetzt reagieren soll. Aber ich weiß inzwischen: Ich KANN nicht helfen, das muss der Mensch schon selbst tun, denn NICHTS, was von außen kommt, macht einen Menschen wirklich glücklich. NICHTS. Egal, was ich tue.

    Dass die kapitalistische Lebensweise uns das Leben schwer macht, sehe ich auch so. Aber die Begründung sieht bei mir vermutlich anders aus als bei dir. Und gerade deshalb widerspreche ich dir! Der Kapitalismus zwingt uns zur Selbstoptimierung und verlangt den größtmöglichen Erfolg. Wenn du nun schreibst, welches Leben ein Mensch leben muss, um (natürlich wissenschaftlich untermauert) glücklich zu sein, dann treibst du genau dieses Hamsterrad nur noch weiter an: Du machst Vorgaben, definierst, wie ein gelungenes Leben auszuschauen hat, und bewertest anhand DEINER Maßstäbe den Lebenserfolg (sic!) von anderen.

    Das ist der Kern meiner Kritik: Du siehst alles unter dem Blickwinkel des Erfolgs. (Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass du eine Beziehung als ‚Erfolg‘ ansiehst und das Single-Dasein als ‚Misserfolg‘.) Es ist zwar nicht so sehr der materielle Erfolg, den Du anvisierst, sondern den nach „Glück“ und „Lebensfreude“, vielleicht noch den nach „Anerkennung“ durch deine Mitmenschen. Aber das macht es ja nicht besser: Du legst fest, was zum Glücklichsein dazugehört. Und legst auf diese Weise dir selbst und anderen Steine in den Weg. Du vergisst, dass Glücklichsein eine Entscheidung ist, kein Schicksal, das es zu erringen gilt.

    Wenn wir danach gehen würden, wer (von außen betrachtet!!!) am glücklichsten ist, dann müssten wir das Euthanasieprogramm der Nazis wieder starten. Von außen betrachtet ist so manche Existenz ziemlich armselig. Wenn wir jedoch auch Schwerstbehinderten zugestehen, ein gutes Leben führen zu können (so unverständlich uns das im Einzelfall sein mag), dann sollten wir eben diese Fähigkeit Menschen, die ohne festen Partner leben, auch zugestehen. Und in dieser Denkweise ist kein Platz für ‚ja sicher, aber ich weiß ganz genau, dass er/sie in einer Beziehung noch glücklicher wäre‘. Das ist Humbug. Schlimmer noch: Das ist abwertend und verachtend. Jede Aussage in diese Richtung treibt nur das kapitalistische Hamsterrad an, das uns weismacht, durch Erfolg würden wir aufgewertet und geachtet.

    Lassen wir doch einfach das übermäßige Denken, Meinen, Behaupten. Und schon ist unser Leben freier, ungezwungener, glücklicher. Ob mit Beziehung oder nicht ist sch***egal.

    • Dein Kommentar enthält einiges an diskussionswürdigen Aussagen. Und zwischen den Zeilen schwingt einiges an Aggression mit aus meiner Wahrnehmung.
      Aber seis drum.

      Ich möchte nur kurz auf Punkt g eingehen:

      Ja, auch meine Erfahrung: Wenn wir sehnsüchtig nach einer Beziehung hoffen, dann werden wir keine finden. Wenn wir hingegen mit uns weitestgehend im Reinen sind, und keine Beziehung brauchen, sondern aus einer inneren Mitte heraus wollen, ist das was anderes.

      Ansonsten fehlt mir gerade die Energie und auch Lust, detaillierter auf deinen Kommentar einzugehen. Ich lass das alles mal so stehen, ist ja deine Meinung / Sichtweise. Bevor wieder der Vorwurf mitschwingt, ich wolle von außen Leuten irgendetwas aufzwängen an Vorstellungen/Konzepten/meine Erfahrungen usw. 😉 (was völliger Unfug ist). Jeder kann sich seine eigene Meinung bilden, was du ja ausgiebig gemacht hast.

      Nur eins: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Wissenschaft, psychologische Studien als reinen „Subjektivisums“, Manipulationsversuche der „Masse“, falschen Messungen / Schlussfolgerungen usw. abtun. Ich weiß, dass dies in gewissen Kreisen heutzutage sehr „hipp“ ist. Für meine Recherchen stütze ich mich darauf, gepaart mit meinen eigenen Erfahrungen / Erkenntnissen, wie in all meinen Artikeln. Den einen gefällst, den anderen nicht. Das ist normal. Damit kann ich leben.

      Alles Gute

      • Ach, lieber Oliver, dass du meine Worte als aggressiv empfindest, verstehe ich sehr gut. Ich vermute, das ist ein Hinweis darauf, dass ich auf der richtigen Spur bin. Trotzdem tut es mir leid, dass meine Beiträge dir so unangenehm und für dich offenbar kraftraubend sind. Ich entschuldige mich dafür.

        Bitte glaube mir: Mein Ziel ist es nicht, dich zu belasten oder zu ärgern. Wir Menschen (ich habe bislang noch keine Ausnahme kennengelernt, ich selbst bin sogar ein besonders stures Exemplar) lernen immer nur ‚auf die harte Tour‘ und nur dort, wo es heftig wird für uns. Das gilt m. E. auch (vielleicht sogar gerade) für sensible Menschen. Deshalb rede ich oft wenig um den heißen Brei herum – und zwar gerade dann, wenn ich erkenne, dass der andere einen echten Leidensdruck hat. Die Kunst der höflichen Lüge resp. Beschönigung bringt da einfach nichts. Ich meine das allerdings nicht böse und will dir damit nicht schaden. Und es ist gut und richtig, dass du überlegst, inwiefern meine Worte auf dich überhaupt passen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

        Und dass du meine Meinung akzeptierst, weiß ich. Ich habe keinen Zweifel daran, dass du alles, was man dir sagt/schreibt, akzeptierst. Ich bezweifle allerdings, dass du die Entscheidungen der Frauen, die deine Erwartungen enttäuscht haben, akzeptierst. Nicht wirklich. (Interessanterweise gehört das oft zusammen: Wenig widersprechen und Widerstand leisten auf der einen Seite und auf der anderen insgeheim missbilligen, was der andere tut.)

        Auch für mich gilt natürlich, dass ich meine subjektiven Erfahrungen zum Maßstab nehme. Und aufgrund dessen komme ich zu folgendem Ergebnis: Kräftezehrend ist es, wenn man nicht sein eigenes Leben lebt. Bedrohlich ist das, was einen aus der Komfortzone stößt, aber oft hilfreich ist. Und der permanente Anspruch, allem und jedem gerecht werden zu wollen, führt nur dazu, dass man sich selbst nicht mehr gerecht wird. (Was praktisch alle sensiblen Menschen tun.)

        Ich wünsche dir auch alles Gute und hoffe, dass unser Gespräch dir etwas bringt. Mir jedenfalls bringt es (wie immer) die Verblüffung darüber, wie wenig ich dazu beitragen kann, jemandem das Leben leichter zu machen. Jeder entscheidet ganz allein über die Schwere seines Daseins…

        • Das hast du womöglich missverstanden: Dein Kommentar raubt mir keine Kraft.

          Was du schreibst in diesen Kommentar sehe ich im Grunde genauso. Natürlich gebe ich hier in gewisser Weise meine subjektive Meinung wider, und bin fern ab des Anspruches, damit allen gefallen oder genügen zu wollen (ja, dies war mitunter ein langer Lernprozess in den letzten Jahren als sensibler, tiefgründiger Mensch). Ich kann und will niemanden von meinen Ansichten überzeugen, ebensowenig wie du, sehr wohl aber meine Meinung / Standpunkt ziemlich klar und eindeutig darlegen. Wozu sich dann jeder wiederum seine Meinung bilden kann. Sich darin ein Stück weit wiederkennt oder eben nicht (nennt man wohl Inspiration). Auch hier sind wir uns wohl deinen Worten zufolge ähnlich 🙂

          In den Jahren als Blogger ist es mir einfach irgendwann zu zeitintensiv geworden, auf lange, sehr ausführliche Kommentare oder andere Standpunkte mit einer ebenso langen Gegenrede einzugehen. Ich übe mich darin, es einfach stehen zu lassen (wenn er nicht komplett aus dem Ruder läuft, mit Hetze, Anmassungen, Unterstellungen oder what ever).

  7. @ Katrin
    Warum alles so kompliziert? Mich interessieren keinerlei gesellschaftliche oder wissenschaftliche Konventionen oder irgendwelche Konstrukte. Ich lebe stets so, wie es MIR gefällt und MEINER ganz INDIVIDUELLEN Persönlichkeit entspricht. Mein eigenes Wohlbefinden steht immer an erster Stelle, ich bin mir selbst die beste Freundin.

    Da ich zugleich grundsätzlich niemandem schade oder rücksichtslos bin und jedem seine Eigenverantwortung für seine Gefühle lasse, bin ich völlig frei und kann mir selbst und meinen EIGENEN Vortstellungen und Werten treu bleiben. Was andere Leute darüber denken bzw daß die meisten Leute meine ganz persönlichen Idealvorstellungen von Paarbeziehung nicht verstehen können und ganz andere Träume haben, ist doch völlig egal. Was hat das mit mir zu tun?!

    Es gibt nur eine einzige Frage als Maßstab, an dem sich JEDER Mensch orientieren sollte/kann, bezogen auf Beziehungen, Singleleben ja/nein, Kinder ja/nein oder sonstige Lebenssitationen:

    Fühle ich mich wohl? (mit diesem Menschen bzw. in dieser Situation)
    So einfach ist das.
    Wenn ja, dann ist alles gut und man ist glücklich oder zumindest zufrieden.

    Wenn nein, dann hat man als erwachsener, eigenverantwortlicher Mensch jederzeit die Möglichkeit, sich selbst zum Ausdruck zu bringen und Probleme ehrlich anzusprechen, die Umstände zu verändern (innerlich und/oder äußerlich) oder notfalls aus der Beziehung herauszugehen, wenn man nicht länger leiden will.

    Man kann sich natürlich – aus welchen Gründen auch immer – auch dafür entscheiden, eine belastende, nichterfüllende Mittelmaß-Beziehung zu akzeptieren und nichts zu ändern. Das geschieht ja sehr häufig aus Bequemlichkeit, Gewohnheit, Angst vor Alleinsein, Verpflichtung etc. Das ist jedem selbst überlassen und niemand hat das Recht, von außen zu urteilen.

    Den Begriff „sich wohlfühlen“ kann jeder für sich selbst natürlich noch genauer definieren, da jeder Mensch bzgl einer Beziehung oder auch für sich alleine andere Wohlfühl-Kriterien und Prioritäten hat.

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