In Zeiten von Bindungsangst und absoluter Freiheit: Was heißt es heute beziehungsfähig zu sein?

 
Kurze Vorbemerkung: Dies ist ein sehr persönlicher Artikel. Er spiegelt meine Erfahrungen und persönliche Meinung der letzten Monate zu den Themen Bindungsangst und beziehungsfähig sein wider. Vielleicht kannst du ja was für dich mitnehmen?

 
Sehnsucht beziehungsfähig zu sein in Zeiten von Bindungsangst und grenzenloser Freiheit


 
In letzter Zeit erlebte ich es nach einigen intensiven und emotionalen Kennenlernphasen immer wieder, in denen man sich zum Teil auch körperlich schon näher kam, dass von der Frau die Aussage kam: „Mein Gefühl reicht für mehr nicht aus“, oder „Ich will frei und unabhängig bleiben und mich nicht in eine Beziehung begeben“ oder „Ich bin noch nicht soweit, wieder Nähe zuzulassen“. 
 
Hier sei dazu gesagt, dass ich mich ganz bewusst für eine neue Beziehung öffnete, und falls es sich so anfühlte und mir der Charakter und einiges mehr passte, ich es der Frau auch so sagte: Hey, ich hab Bock auf Beziehung mit dir. Diese Aussagen bzw. Nein’s von Frauen, mit denen ich schon ein Stück weit gegangen bin oder eben auch nahe war, haben mich zum Nachdenken gebracht. Über die Beziehungsfähigkeit in unserer Zeit!
 
Vorab sei angemerkt, dass es natürlich immer passieren kann, dass man sich eine Zeit lang kennenlernt und dann doch einer von beiden merkt, dass es für mehr nicht reicht. Völlig klar. Völlig verständlich. Ebenso, dass man z.B. nach einer Trennung aus einer langjährigen Beziehung bewusst für eine gewisse Zeit nichts Festes eingehen, sondern seine Freiheit und sein (Single-)Leben genießen will (diese Phase hatte ich selbst die letzten 2 Jahre). Auch völlig legitim.
 
Aus meiner Beobachtung und Reflexion heraus stelle ich aber etwas anderes fest.
Zwei Dinge, die etwas tiefer vergraben liegen.
 
Zum einen:
 
Wir leben in einer Zeit der grenzenlosen Wahlmöglichkeiten, der Selbstverwirklichung und der individuellen Freiheit. Daraus resultieren zunehmend eine überbordende Egozentrik und ein maßloser Überfluss. Egal ob wir bei Mediamarkt oder Aldi vorm Regal stehen: Wir haben eine schier unglaubliche Auswahl. Wir haben die Wahl und die Freiheit, uns das zu nehmen, was uns gefällt. Diese Wahl und Freiheit jedes Einzelnen hat sich auf andere Lebensbereiche übertragen – auch auf unser Beziehungsleben – und scheint uns zu überfordern. Weil wir noch nicht gelernt haben, mit diesen Freiheiten in allen Bereichen umzugehen.
 
Die Autorin Vivian Dittmar schreibt dazu:

„Es ist diese wachsende Unabhängigkeit voneinander, die uns den Raum gibt, unsere Beziehungsformen immer selbstbestimmter zu wählen und somit unseren Lebenswandel immer freier zu gestalten. In diesem neuen Raum der Wahlmöglichkeit, hat sich etwas erstaunliches getan: immer mehr Menschen wollen Beziehungen nicht mehr so leben, wie sie Jahrtausendelang gelebt wurden. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einer Form des Miteinanders, wie sie weder unsere Eltern noch unsere Großeltern gelebt haben. Nüchtern betrachtet ist das irrwitzig: Wir sehnen uns nach etwas, wofür wir keine Vorbilder haben.“
 
Die alte Form des „Miteinanders“ war oft von einem Machtgefälle in unseren Beziehungen geprägt. Das brachte nicht nur Schlechtes mit sich. Man musste sich in diesen Beziehungen nicht zwangsläufig mit sich selbst auseinandersetzen. Doch bei einer neuen Form des Miteinanders geht es um eine Augenhöhe zwischen den Partnern. Und hierbei ist es unumgänglich, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt, mit seinen Ängsten, Mustern usw. – und so auch dem Partner begegnet (was zwangsläufig zu Reibung / Auseinandersetzung führt, nach der Verliebtheitsphase, eben echte Beziehung.) Und dem wollen viele aus dem Weg gehen. Dann lieber zum Nächsten, bei dem ich mich geborgen und sicher fühle, alles in Watte gepackt ist, zumindest solange die Verschmelzungs- und Harmoniephantasien anhalten).
 

 

 

Zum anderen:
 
Neben dieser sehr treffenden Feststellung nach der Sehnsucht nach neuen Beziehungsmodellen für unsere Zeit, kommt für mich noch eine zweite Sache hinzu: Die Verletzungen und Frustrationen aus den Bindungserfahrungen mit unseren ersten Pflegepersonen (meist die Eltern).
 
Das ist sicherlich ein alter Hut, dass jeder von uns gewisse Prägungen (oder eben Verletzungen) aus seiner frühkindlichen Zeit mit ins Erwachsenenalter mitgenommen hat. Doch Fakt ist auch, wenn wir uns als Erwachsene nicht bewusst und aktiv mit diesen Prägungen, Glaubenssätzen und verdrängten Emotionen auseinandersetzen, dann holt uns dies unser ganzes Leben immer wieder ein – allen voran in unserem Beziehungsleben.
 
Schon seit Jahren machen Therapeuten und Autoren darauf aufmerksam, dass vielen von uns ein gesundes Maß an Urvertrauen fehlt, das ausschließlich in der Kindheit gelegt wird. Und dies mit so die Hauptursache für unsere (Selbstwert-)Probleme im Leben wie in Beziehungen ist (ja manche sagen sogar für unsere Probleme in der Welt mit gewissen „Machthabern“).
 
Autoren wie die bekannte Psychologin Stefanie Stahl es in ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden*“ beschreibt:
 
„Ist die innere Balance zugunsten der Autonomie gestört, dann hat dieser Mensch ein überhöhtes Bedürfnis, frei und unabhängig zu sein. Als Folge vermeidet er – bzw. das Schattenkind in ihm – zu (nahe) menschliche Bindungen. (…) Sicherheit bedeutet für diesen Menschen also, sich seine Unabhängigkeit und persönliche Autonomie zu bewahren. Psycho-logischerweise haben diese Menschen Probleme damit, sich eng an jemanden zu binden, also einer Liebesbeziehung zu vertrauen. Sie leiden also unter Bindungsangst, das heißt, sie gehen entweder keine Partnerschaft ein, oder sie lassen den Partner nicht wirklich nah an sich heran bzw. stellen sie nach Momenten der Nähe immer wieder Distanz zu ihm her.“
 
Eben dieses Verhalten meine ich in den letzten Wochen bei meinen Begegnungen beobachtet zu haben. Nach Momenten der Nähe, zum Teil sogar über einen längeren Zeitraum, wurde es dann irgendwann zu „eng und nahe“. Die persönliche Autonomie war in Gefahr, und damit kam eine alte Angst hoch, vereinnahmt zu werden. Der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt ist ein menschlicher Grundkonflikt, bei dem jeder für sich seinen Weg bzw. seine Balance finden muss.


Was können wir tun?


 
Ich kann nur von mir reden. Mir persönlich hat es schon sehr geholfen, dass ich mir dieser Tendenzen und Prägungen in mir bewusst wurde. Ich die Sehnsucht und die Verlassenheitswunde meines inneres Kindes spüre – und, das ist entscheidend – selbst halten konnte und kann. Natürlich nicht immer, aber doch immer öfter in letzter Zeit. Wenn du dir deiner Angst vor Abhängigkeit und / oder Verlust deiner Autonomie bewusst bist, gleichzeitig aber auch deiner Sehnsucht nach Nähe und Bindung (ein psychologisches Grundbedürfnis!) kannst du mit der Zeit immer besser auf eine gesunde Balance zwischen diesen beiden menschlichen Bedürfnissen achten.
 
Aufgrund der Skizzierung weiter oben glaube ich aber, dass es für die meisten heutzutage darum geht, sich ihrer Abhängigkeit gegenüber anderen Menschen einzugestehen. Das heißt, dass wir als menschliche Wesen seit jeher auf die Kooperation, Hilfe und Wertschätzung von anderen Menschen angewiesen waren und sind – ja auch heute noch in Zeiten der absoluten Freiheit und Unabhängigkeit. „Wir brauchen einander“, wie es die Autorin Vivian Dittmar so schön und präzise beschreibt.

 


 
Als freiheitsliebender Mensch, den seine Unabhängigkeit und Autonomie immer heilig war, war dieser Satz für mich erstmal ein Schock. Er löste Widerstand in mir aus („Was? Ich komme alleine klar“).  Aber wenn ich ganz ehrlich in mich hinein fühlte, dann meldete sich mein verletztes inneres Kind mit einem leisen „Ja, das stimmt. Ich brauche jemanden .. und zwar dich als liebevollen inneren Erwachsenen.“ 
 
Dein Persönlichkeitsanteil mit all den Prägungen aus deiner Kindheit (= inneres Kind) braucht erstmal dich als reifen, verantwortlichen und reflektierten inneren Erwachsenen. Der es manchmal an die Hand nimmt, der es manchmal tröstet und der es manchmal auch im Zaum hält und ihm Grenzen aufzeigt.

 
Es gibt eben einen riesengroßen Unterschied zwischen einem absolut bedürftigen „Ich-brauche-jemand-anderen-um-mich-gut und-wertvoll-zu-fühlen“ und einem zentrierten „Ich wünsche mir deine Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit“  in Form einer Bedürfnisäußerung, ohne sich von dessen Erfüllung durch das Gegenüber abhängig zu machen (weil immer und zu jeder Zeit einzig und alleine DU für die Befriedigung deiner Bedürfnisse verantwortlich bist!)
 
Der erste Satz kommt aus einem Mangel- und Traurigkeitsgefühl. Der zweite aus einer inneren Fülle und Mitte.
 
Der erste Satz ist schnell dahin gesagt, in Phasen von Einsamkeit, in denen man sich selbst nicht halten kann und hofft, jemand von außen nimmt einem diese „Last“ ab. (Emotionale)Abhängigkeit wird dann zu einem Problem, wenn wir uns wünschen, dass es da jemanden gibt, der Verantwortung für unsere Bedürfnisse übernimmt, so wie wir es als Kinder gebraucht hätten. „Diese – meist unbewusste – Grundhaltung lässt sich in folgender Aussage zusammenfassen: „Ich brauche dich, um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb bist du für meine Bedürfnisse verantwortlich“, schreibt Vivian Dittmar in ihrem Buch „beziehungsweise“ dazu.
 
Der zweite Satz, der mit der Bedürfnisäußerung, kommt hingegen aus einer inneren Mitte, und vor allem aus einer radikalen Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle heraus. Dazu bedarf es Mut und ein geöffnetes Herz, um sich so vor einem geliebten und geschätzten Menschen zu offenbaren. Dieser Mut lohnt sich aber. Der Gewinn: Es entsteht Nähe, Vertrauen, Intimität – insofern der Andere das erwidern kann. 


 
Deshalb werde ich es immer wieder tun, wieder und wieder, auch wenn es jedes Mal bisher natürlich ein wenig weh getan hat. Wenn es sich aus meiner Mitte heraus so anfühlt, wenn mein Herz jubelt und hüpft, wenn ich einfach mein Bedürfnis danach spüre, dann spreche ich es aus: „Hey, ich finde dich toll, ich mag dich. Auch wenn es mir ein wenig Angst macht, möchte ich es wagen: Ich habe Bock weiterzugehen mit dir. Weiter zu forschen, weiter zu fühlen und schauen was da alles kommt, was da alles entstehen kann, in diesem aufregenden Feld namens Beziehung, Nähe, Verbundenheit, Liebe zwischen uns. Kommst du mit auf diese Abenteuerreise, auch wenn wir beide gerade noch nicht wissen, wohin sie führt?“ 

 
Eines Tages wird sie vor mir stehen, die Frau, die bereit und willens ist, sich ihren Bindungsängsten in einer Beziehung zu stellen und Ja statt JEIN zu sagen.
 
Gegen den Trend der absoluten Unabhängigkeit in unserer Zeit. 
Ein Appell für eine gesunde Form von Abhängigkeit und das wir einfach einander brauchen, um ein glückliches Leben zu führen!
Gerade heute in Zeiten von zunehmender Selbstbezogenheit und Narzissmus.


 
Wie siehst du es?


 
 
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Bücher:
Stefanie Stahl: Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden
Vivian Dittmar: beziehungsweise. Beziehung kann man lernen


Bild: unsplash.com

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Veröffentlicht von

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