Welche Parallelen gibt es zwischen Hochsensitivität und einem Trauma?

Entsteht die erhöhte Reizempfindlichkeit bei Hochsensiblen erst als Folge einer Traumatisierung?

Oder ist Hochsensibilität eine physiologische Veranlagung, mit der wir also auf die Welt kommen, aus der aber aufgrund der erhöhten Reizempfindlichkeit und Reizüberflutung ein Trauma entstehen kann?

Neulich bei einem Zusammentreffen von mehreren Hochsensiblen. Fünf Minuten nach Beginn verließ die erste Teilnehmerin das Treffen, aufgrund der hohen Strahlenbelastung im Raum ausgelöst durch Drucker und Computer. Währenddessen spielte sich vor der Tür eine Szene mit drei anderen Teilnehmern ab, von der ich aber zunächst nichts mitbekam. Das Resultat aus dieser verbalen Auseinandersetzung war, dass die nächsten zwei Teilnehmer das Zusammentreffen verließen.

In der Folge beschäftigte mich dieses Ereignis den ganzen Abend und noch die darauffolgenden Tage. Nicht so sehr deswegen, um was es bei der Auseinandersetzung genau ging oder ob Strahlensensibel gleich Hochsensibel sein bedeutet. Da ich weder einer der Kontrahenten noch ein Strahlensensibler bin, möchte ich mir darüber kein abschließendes Urteil erlauben. Und natürlich gibt es auch Auseinandersetzungen unter nicht  hochsensiblen Menschen. Und bestimmt ist es auch ein naiver Glaubenssatz oder schlicht eine Fehlinterpretation, dass es unter Hochsensiblen nur harmonisch, fröhlich und herzlich zugeht.

Eine ganz andere Frage beschäftigte mich. Könnte es womöglich sein, dass die Anlage der Hochsensibilität bei manchen Menschen als ausweichende oder bequeme Erklärung für ein dahinterliegendes Trauma benützt wird?

Oder allgemeiner gefragt: welche Parallelen gibt es zwischen einer vererbten Reizempfindlichkeit und einer erlittenen Traumatisierung?

Bereits in diesem Artikel versuchte ich den Zusammenhang zwischen Hochsensitivität und Panikattacken aufzuzeigen – und wie wichtig es ist, diese auseinanderzuhalten.

Heute möchte ich noch einen Schritt weiter und auch tiefer gehen. Zumindest versuchen, diese Thematik so klar wie möglich zu beleuchten.

Weil ich es für uns als Hochsensible für elementar wichtig empfinde, genau unterscheiden zu können, welche Reaktionen und Verhaltensweisen aus einer verdrängten Traumatisierung resultieren – und welche aus einer physiologischen (natürlichen) Anlage heraus erfolgen.

Was ist überhaupt ein Trauma?

Ein Trauma ist die Reaktion deines Nervensystems auf eine lebensbedrohliche oder sehr belastende Situation. Dies können zum Beispiel frühe Gewalterfahrungen sein, körperlicher und seelischer Missbrauch, eine komplizierte Geburt oder auch Naturkatastprohen und Kriege.

Unser Gehirn schaltet auf Alarmbereitschaft um und aktiviert quasi den Überlebensmodus. Ohne diese biologische Reaktion wären wir als Spezies Mensch schon seit einigen Tausend Jahren ausgestorben. Dein Nervensystem wird mit Todesangst oder Schmerz überflutet.

In der Auseinandersetzung mit diesem enormen Stress hat das Nervensystem diverse Reflexe parat, um damit umgehen zu können:

  • der Flucht oder Kampfreflex
  • der Todstellreflex
  • Freisetzung von Unmengen von Stresshormonen
  • Phänomenen von Ausblendung von Schmerzen

In der weiteren Folge findet im Gehirn eine Kappung von Verbindungen zwischen einzelnen Gehirnarealen statt. Die normale Gedächtnisverarbeitung wird gestört. Die neuronalen Netzwerke zwischen den Gehirnzellen werden unterbrochen und somit häufig auch die Erinnerung an die auslösende Situation.

Dadurch wird die Reaktionszeit stark beschleunigt, was evolutionär unserem Überleben sehr zugute kam. Ist in einer belastenden Situation Kampf oder Flucht möglich, hilft das beim blitzschnellen Reagieren. Ist die Flucht jedoch unmöglich, brennt sich das Trauma in das Gehirn ein.

Ein traumatisierter Mensch kann auf diese Erinnerungen nur sehr beschränkt zugreifen, bedingt durch die Abspeicherung des Erlebten ins unbewusste Gedächtnis und der Unterbrechung der neuronalen Netzwerke. Irrationale Angstreaktionen im Erwachsenalter können die Folge einer frühen Traumatisierung sein. Diese können ausgelöst werden durch Gerüche, Geräusche und spezifische Situationen. Da wir im Zustand eine akuten Traumatisierung nur einen geringen Teil der uns umgebenden Informationen aufnehmen und der Rest einfach weggefiltert wird, kommt es zwangsläufig zu einer Reizüberflutung. Unser Nervensystem sucht händeringend nach einem Fluchtweg aus der Bedrohungssituation, was zu einer starken Stressausschüttung und inneren Unruhe führt.

Folgende Symptome können auf eine frühe Traumatisierung hinweisen:

  • Gefühl einer Entfremdung von sich selbst
  • Orientierungslosigkeit
  • innere Haltlosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • starke innere Unruhe
  • Fehlende Erinnerung an die Kindheit
  • Unerklärliche Zwänge und Ängste
  • starker innerer Kritiker
  • Medizinisch nicht erklärbare Schmerzen
  • Wiederkehrende Albträume
  • Undefinierbare, sich wiederholende Wutausbrüche

 

Hochsensibilität versus Trauma

Wie du bereits weißt, sind wir als hochsensible Individuen besonders feinfühlig und empfänglich für die Reize und Signale aus unserer Umwelt. Das gilt sowohl für äußere Reize wie Geräusche oder Gerüche, sowie für innere Reize wie Erinnerungen, Gedanken, Vorstellungen oder Emotionen. Mitunter erleben wir zeitweise durch Überstimulation ähnliche Symptome wie bei einer Angst- und Panikattacke und ziehen uns aus unserem sozialen Umfeld sehr stark zurück.

Das Problem ist, dass diese Symptome, verbunden mit der hohen Reizempfindlichkeit, auch bei traumatisierten Menschen auftreten können – und zwar als physiologische Folgeerscheinung einer lebensbedrohlich erlebten Situation.

Und dies lässt die Abgrenzung zwischen einer natürlichen Veranlagung und eines erlittenen Traumatas sehr stark verschwimmen.

Hier raus leitet sich die Frage ab:

Was war nun zuerst da: die vererbte Anlage der Hochsensibilität oder ein erlebtes Trauma?

Darüber gibt es in Fachkreisen sehr geteilte Meinungen. Es gibt einige Autoren im Internet, die der festen Überzeugung sind, dass die jahrzehntelange Forschung zum Thema Hochsensibilität einen gravierenden Geburtsfehler hat. Nämlich die Fehlinterpretation, dass Hochsensibilität eine genetische Disposition hat, dass sie also vererbt wurde und es in der Familiengeschichte mindestens eine hochsensitive Person gegeben haben muss. Pionieren der Sensibilitätsforschung, wie Elaine Aron, wird vorsätzliche oder unwillkürliche Vernachlässigung von Ergebnissen der Traumforschung unterstellt „wonach sich hohe Reizempfindlichkeit als Folge einer Traumatisierung und und eben nicht als physiologische Disposition oder gar durch Vererbung ausbildet, und zwar als regelmäßige und sehr häufige Folge“.

Auf der anderen Seite gibt es die Aussage von erfahrenen Therapeuten und Fachleuten, die es unter anderem aufgrund ihrer jahrelangen Beratung mit hochsensiblen Klienten für durchaus möglich halten, „dass ein gewisser Prozentsatz von Hochsensiblen durch eine frühe Traumatisierung hochsensibel geworden ist.“

Aber eben nur ein gewisser Prozentsatz und nicht, das dies generell auf alle Menschen mit einer sensitiven Veranlagung zutrifft. Und schon gar nicht, dass Hochsensibilität nur eine verdeckte Störung wie ADHS oder Borderline ist. Wenn wir dieser Argumentation weiter folgen würden, würde das nichts anderes bedeuten, als das eine natürliche Veranlagung für Feinfühligkeit nur noch weiter an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird und somit die Akzeptanz und das Verständnis dafür weiter schwinden würde.

Genau dies würde jeden Hochsensiblen weiter in die Ablehnung seiner Veranlagung treiben.

Und genau das, solltest du nicht tun!

Was heißt das nun für dich?

Aus meiner Perspektive lässt sich die Frage nach der Ursachenforschung für unsere hochsensible Veranlagung nur sehr individuell beantworten.

Und zwar, indem du sehr achtsam und ehrlich mit dir selbst umgehst.

Deine lebenslang anhaltende Sensibilität für Reize und Reizüberflutung kann zusätzlich zu der Veranlagung auch die Folge einer frühen (vorgeburtlichen) Traumatisierung sein. Dann solltest du dich dem stellen und in Erwägung ziehen, diese mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten und einer der zahlreichen Traumatherapien aufzuarbeiten. Es ist gar nichts schlimmes oder verwerfliches daran. Im Gegenteil: Ich glaube sogar, dass die meisten von uns in irgendeiner Form traumatisiert sind, nicht zuletzt wegen den verherrenden Kriegen im 20. Jahrhundert.

Hier findest du eine Kurzübersicht von Traumatherapieformen für Erwachsene:

Eine hohe Reizsensibilität muss aber nicht zwangsläufig aus einer Traumatisierung heraus erfolgt sein. Deine sensitive Ader kann auch schlicht und ergreifend nur eine vererbte Anlage sein, die rein gar nichts mit etwas krankhaften oder behandlungsbedürfigen zu tun hat. Dann solltest du dir gewisse Übungen und Strategien aneignen, damit du mit dieser feinfühligen Anlage in deiner Alltagswelt besser zurecht kommst und sie insbesondere immer mehr lieben und annehmen lernst.

Individuum kommt aus dem Lateinischen und heißt: „das Unteilbare; das Einzigartige“.

Denke immer daran: Du bist einzigartig – gerade als Hochsensibler.

Es gibt keinen Zweiten wie dich unter den sieben Milliarden Mitbewohnern.

Du wirst gebraucht mit deiner ganzen Persönlichkeit.
Als Mensch. Für deinen Beitrag in der Welt.

Fühl dich einfach wohl !

 

Nun bin ich auf deine Meinung zum Thema Sensitivität und Trauma gespannt.
Schreibe sie mir in die Kommentare.

 

 

Quellenangabe: Sylvia Harke „Hochsensibel – Was tun“

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Bild: unsplash.com

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Veröffentlicht von

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