Wie ich aus einem emotionalen Loch in meine Mitte zurückfand

Wie geht es dir gerade?

Mir geht es gerade solala.

Langsam wieder besser.

Heute werde ich einen sehr persönlichen Artikel schreiben. Einen Artikel, in dem ich viel über die Ereignisse der letzten Tage schreiben werde und mit vielen „Ich-Sätzen“.

Nur damit du gleich zu Beginn Bescheid weißt.

Gerade merke ich, wie schwer es mir fällt, in den Schreibfluß zu kommen. Irgendetwas blockiert mich immer noch. Schon seit Anfang letzter Woche. Ich spüre, dass es etwas Emotionales ist. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, das Gedankenkarusell dreht sich unaufhörlich. Mein Magen ist zusammengezogen. Ich habe eine Schreibblockade und befinde mich gleichzeitig in einem emotionalen und seelischen Tief. Schon seit über einer Woche.

Darin möchte ich nicht länger hängen bleiben. Ich möchte es mir von der Seele schreiben. Schreiben als Therapeutikum. Alleine, dass ich mich an den Laptop gesetzt habe, verändert schon meine Stimmung.

Vor einigen Jahren nahm ich an einem Schreibworkshop in Griechenland teil. Natürlich kam relativ schnell die Frage auf, wie wir denn bitteschön mit Schreibblockaden umgehen sollen – die ganz sicher jeder Schreiberling kennt.

Die Antwort der Leiterin, die selbst Schriftstellerin ist, war prägnant wie verblüffend zugleich:

„Bringt die Blockade aufs Papier.“

Das bedeutet:

Schreibe alles nieder, was dich gerade beschäftigt. Auch das bist du. Lass deinen Kritiker und Perfektionisten im Kopf einfach reden. Schreibe das auf, was dich gerade im Moment so blockiert und verrückt macht.
Deine Gedanken, Gefühle, egal was!

Puhh! Leichter gesagt, als getan, merke ich gerade. Etwas sträubt sich in mir.
Etwas, was mir aus der Vergangenheit wohl bekannt ist: Angst!

Angst, mich verletzlich zu zeigen. Angst, meine verschütteten Gefühle zu zeigen und mit anderen zu teilen. Angst, als Memme abgestempelt zu werden. Angst, mich als Mann schwach zu zeigen.

Also gut.

Was mich seit Tagen blockiert

Letzte Woche hatte ich bezüglich meiner letzten Gehaltsabrechnung einen Emailaustausch mit meinem Ex-Arbeitgeber. Ich will das jetzt hier nicht groß breittreten und in die Details gehen. Jedenfalls gab es seit meinem Abschied viel Unausgesprochenes und Aufgestautes – insbesondere an Emotionen – und sicherlich auf beiden Seiten. Es fand kein klärendes Gespräch mehr statt. Es fand überhaupt kein Gespräch mehr statt. Alles Notwendige wurde über elektronische Medien kommuniziert. Es war kein schöner Abschied.

Und das bei meinem großen Harmoniebedürfnis – wie bei vielen Hochsensiblen. Jedenfalls waren diese Emails gespickt mit gegenseitigen Vorwürfen.

Wie gesagt, bei mir gab es auch viel Aufgestautes. Und dann erreichte mich diese letzte Email. Was ich da las, mein Gott, ich konnte es zunächst nicht glauben. Ich las soviel Wut aus diesen Zeilen. Soviel Unverständnis. So viel Schwarz – Weiß – Denken. So viel Intoleranz. So viel Verletzung. So viel Anmassungen.

In mir verkrampfte sich alles. Zunächst spürte ich eine immense Wut. Dann eine Fassungslosigkeit. Dann eine gewisse Hilflosigkeit. Wie reagieren? Überhaupt reagieren?

In der Vergangenheit reagierte ich meist sofort auf solche Übergriffe.
Ich schoss zurück – in Form von Worten aus meiner Verletzung und Kränkung heraus.

Doch diesmal reagierte ich nicht sofort.

Ich klappte den Laptop zu, schwang mich aufs Rad und fuhr zu meiner Freundin.
Das war sicherlich gut so – nicht aus dem ersten Affekt heraus reagiert zu haben.

Während dieser ganzen Fahrt stellte ich mir immer wieder die selbe Frage:

Wieso verletzt mich das so?

Ich glaube, dieser Emailverkehr war ein Auslöser für etwas Tieferes in mir. Eine tiefere Verletzung. Sonst würde ich ja gar nicht darauf reagieren. Unabhängig davon, dass die Sätze in dieser letzten Email einfach anmassend und unverschämt waren.

Im Zuge dessen zweifelte ich die kommenden Tage an mir. Ich zweifelte an allem. An meinem Blog, an meinem Schreibstil, an meiner Vision, an meiner Hochsensibilität, an meinem Lebensstil, an meiner Person, an der Fähigkeit, eine glückliche Partnerschaft zu führen.

„Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen“
(Albert Einstein)

Wie ich wieder in meine Mitte zurückfand

Es war gut, dass ich aufs Fahrrad gestiegen bin. Dies verschaffte mir einen gewissen (Gedanken) Abstand. Bei seelischen oder emotionalen Tiefpunkten ist Bewegung immer ein probates Mittel.

Als erstes wurde mir in den folgenden Tagen klar, dass ich meine aufsteigenden Gedanken und Gefühle bewertete.

Ich glaubte all diesen inneren Stimmen und Kritikern:

„Du bist unsozial; du schaffst es nie zu etwas;  du bist ein Spinner;  du kriegst dein Leben nicht auf die Reihe; du bringst keine Leistung; du kannst nicht schreiben; du bist ein Träumer; du bist zu sensibel; es dreht sich alles um dich; du bist egoistisch und selbstsüchtig“
(das war nur eine kleine Auswahl).

Vielleicht ist an dem einen oder anderem sogar was dran. Mir wurde aber klar, dass es darum gar nicht geht. Das dies nicht der Grund war, warum ich so deprimiert und kraftlos war. Ich bin ein Mensch mit Licht und Schattenseiten, mit Widersprüchen und Polaritäten. Wie jeder!

Es ging um die Bewertung des Ganzen. Es ging darum, dass ich all diesen aufsteigenden Stimmen und Gefühlen geglaubt habe. Ich war nicht in meiner Mitte und deshalb so anfällig für Kritik und Äußerungen von anderen. Ich glaubte nicht mehr an mich und das Pulsieren des Lebens.

Ich war nicht im Moment, im zeitlosen Hier und Jetzt, sondern nur in meinem Kopf und in meinen Gedanken verfangen. Ich spürte meine Herzensweisheit nicht mehr  – und damit nicht das Urvertrauen ins Leben.

5 Schritte, die mir dabei geholfen haben

1. Gefühle kommen und Gehen

Vor einigen Tagen sagte ein kluger Mann zu mir: „Sie sind nicht das, was Ihnen passiert“.

Ich musste zunächst mal darüber nachdenken. Aber dann hatte ich es. Passieren kommt von vorüberziehen. Etwas, zieht an mir vorüber. So wie Gefühle. Sie unterliegen Höhen und Tiefen. Ich hatte mich zu sehr auf diesen vorübergehenden Zustand fixiert. Ich dachte, dass bin ich. So wird es mir ewig ergehen. Weil ich es in meinen Kopf ständig wiederholte. Diesen Sätzen und Bewertungen ständig neue Energie zukommen lies. Ich war im Teufelskreis der Grübelei gefangen.

2. Natur und Bewegung

Ich unterbrach diesen Teufelskreis, in dem ich in die Natur ging. Verbunden mit einer sportlichen Tätigkeit. Alleine das Radfahren entspannte schon meinen Kopf. Die Sonne schien, es war warm und ich fuhr auf einem der schönsten Radwege in Europa. Die unterschiedlichsten Gerüche, Geräusche, Landschaften und Menschen zogen an mir vorbei.  All dies konnte ich in den jeweiligen Momenten über meine Sinnesorgane in mich aufnehmen. Die Energie wanderte zunehmends von meinen Gedankenkreisen in meinen Körper zurück. Und somit in den Moment.

3. Der Freude folgen

Ich folgte dem, was mir Freude bereitete. Ich folgte dem Flow. Ich versuchte meinem ersten Impuls zu folgen, ohne großes Nachdenken. Ich las ein inspirierendes Buch über ein Sabbaticaljahr zu Ende, ging auf ein Kulturfest mit Straßenkünstlern, gönnte mir mehrere Kugeln Eis, hatte angenehme Gespräche mit meiner Freundin, ging schwimmen, grillte am Strand und traf mich seit Jahren mit einer alten Bekannten wieder.

4. Glaubenssätze hinterfragen

Glaubenssätze sind mächtig! Es sind Meinungen und Behauptungen, die wir meist von anderen Menschen übernommen haben. Oder aufgrund von bestimmten Ereignissen und Erfahrungen gebildet haben. Meist von Personen, zu denen wir eine enge Beziehung hatten oder haben. Wir haben diese Äußerungen unreflektiert übernommen – sie zu unserem inneren Glaubens- und Grundsatz gemacht.

Ein paar typische Glaubenssätze von mir und der letzten Woche:

  • Ich bin nicht liebenswert“
  • „Ich bin unsozial“
  • „Ich bin ein Versager“
  • „Ich bringe es nie zu etwas“
  • „Ich bin zu selbstsüchtig“
  • „Ich darf nicht wütend sein“
  • „Weil ich nicht so arbeite wie alle anderen, bin ich ein Loser und Schmarotzer“
  • „Ich drehe mich nur um mich selbst“
  • „Erst wenn ich etwas leiste und produktiv bin, bin ich gut“

Doch irgendwann in der letzten Woche hinterfragte ich diese Sätze und befolgte ein paar Tipps zum Hinterfragen von Glaubenssätzen.

Ist das wirklich so? Von wem habe ich diese Überzeugungen übernommen? Von meinem Vater, meiner Mutter, meinem Großvater, meiner letzten Chefin? Wie könnte eine andere Meinung dazu aussehen?  Wie würde sich das genaue Gegenteil dieser Überzeugung anfühlen? Denke ich in 20 Jahren immer noch so? Was sagt jemand aus einem anderen Erdteil (Kultur) dazu?

5.  Den Blickwinkel erweitern

Ich versteifte mich zu sehr auf (m)eine Blickrichtung. Oder auf ein Gefühl. Ich verlor mich in dem Gefühl der Selbstbemitleidung und der Niedergeschlagenheit. Ich verlor mich in einer negativen Gedankenspirale und Rachegelüsten. Als erstes kommt der Gedanke, dann die Interpretation und daraus resultiert das Gefühl. Das vollzieht sich in Sekunden. Dies wurde mir einmal mehr klar.

Doch warum fällt mir das Loslassen so schwer?  Warum verliere ich mich immer wieder in Gefühlen? Offenbar hat es mich in der Vergangenheit vor etwas geschützt, mir viel Kraft gegeben. Doch muss ich das heute noch so machen?

Aufgrund meiner Erfahrung weiß ich, dass Loslassen viel mit Annehmen zu tun hat.

Ich fragte mich also, ob ich in diesem Moment, dass Gefühl der Kränkung und des Verletztseins so annehmen kann? Mit all den aufsteigenden Erinnerungen? Einfach nur fühlen, ohne weiter darauf einzusteigen. Annehmen heißt nicht, sich damit zu identifizieren oder dagegen anzukämpfen. Es einfach so stehen zu lassen – ohne Bewertung und Reaktion. Es willkommen heißen und sogar dankbar dafür sein. Es ganz fühlen und dann gehen lassen. Das fällt mir mitunter verdammt schwer.

Ich glaube, dieser emotionaler Tiefpunkt sollte mich erneut etwas lehren, mich auf etwas hinweisen, was ich so nicht sehen wollte. Auch einmal mehr.

Auf eine Erweiterung meiner Wahrnehmung.

Auf etwas, dass mich jederzeit umgibt und weitaus größer und intelligenter ist als ich es je sein könnte. Etwas, was jeden Tag die Sonne auf und unter gehen lässt, und das schon seit 14 Milliarden Jahren. Ist das nicht der helle Wahnsinn?

So komme ich am Ende zu der Überlegung, falls es mir zukünftig öfters gelingen sollte, mich von meiner begrenzten Sicht zu lösen, könnte sich so etwas wie eine Freiheit einstellen. Freiheit von der zwanghaften Suche nach Antworten, Konzepten, Erklärungen, Glück, Zufriedenheit, Erwartungen etc.

Wow, das wäre eine völlig neue Sichtweise für mich:

Mehr die Fragen leben, als die Antworten zu suchen!

Vielleicht auch für Dich?

Fühl dich einfach wohl !

 

Was machst du, um aus einem emotionalen Loch rauszukommen?
Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

 

P.S. Wenn dir der Arti­kel gefal­len hat, würde ich mich freuen, wenn du ihn bei Face­book likest oder mit dei­nen Freun­den teilst.

Bild: unsplash.com

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht von

www.simplyfeelit.de

Hi, ich bin Oliver: Blogger & Autor & Querdenker. Nach einer dreijährigen beruflichen Auszeit und den anschließenden Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten, weiß ich heute, wie ich leben möchte: Frei und Selbstbestimmt. Und im Einklang mit meiner sensiblen & kraftvollen Männlichkeit. Ich schreibe über Beziehungen, Mann-Sein, Hochsensibilität, Minimalismus und Persönlichkeitsentwicklung.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Beitrag.
    Mein letztes Emotionales tief liegt circa 2 Jahre her. Die bevorstehende Geburt meines Sohnes und damit einhergehende Frage nach dem „Erziehungsziel“ haben mein Weltbild ins Wanken gebracht. Die Ausseinandersetzung mit unserem Lifestyle und den Folgen für die Welt hat mich verrückt gemacht. Ich wollte quasi aussteigen und mich dieser perversen Normalität unserer Gesellschaft entziehen.
    Ich sah einen Berg an schlechten Gewohnheiten, die ich sofort abstellen wollte. So sah ich den Wald und nicht die einzelnen Bäume. Das war ein Oberload für mein Gehirn, was zu resignation führte. Glücklicherweise habe ich eine tolle Lebensgefährtin, die gemeinsam mit mir an unseren Gewohnheiten arbeiten wollte. Sie sah die Bäume. Und nun reissen wir beständig die verfaulten Bäume aus unserem Wald der dchlechten Gewohnheiten. Und es geht uns gut dabei.

    Danke für deinen Beitrag!
    Gruß
    Sebastian

    • Hi Sebastian,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Gern geschehen 🙂

      Schön zu lesen, dass du wieder die Bäume siehst und die schlechten und faulen sogar zusammen mit deiner Partnerin rausreißen kannst.
      Die guten von den schlechten zu unterscheiden, halte ich für eine sehr wichtige Eigenschaft!

      Das mit dem Aussteigen und sich all dem zu entziehen (auch der Verantwortung), kenne ich sehr gut aus eigener Erfahrung. Doch glaube ich heute, dass man damit letztlich nur vor sich selbst flieht – egal wohin man geht!

      Weiterhin alles Gute für euch und eure Familie.

      liebe Grüße
      Oliver

  2. Hallo Oliver,

    für HSP ist Abgrenzung die schwierigste Übung weil man emotional so schnell überflutet wird. Man hat einen übertriebenen Gerechtigkeitssinn und tritt mit anderen nicht in Wettbewerb. Damit können HSP nämlich nichts anfangen.

    Trotzdem ist es eine gute Übung und es wird immer wieder so Crashs geben.
    Ich denke dann immer an meine Tochter mit 1,5 Jahren am ersten Tag im Kindergarten: Sie hat sich das Spielzeug aus der Hand nehmen lassen. Schon am zweiten Tag hat sie es festgehalten.

    Wie ich das mache:
    Ich leihe mir ein Nicht-HSP-Gehirn und lasse so eine Mail direkt zweitlesen, ob ich mit meinem Gefühl richtig liege. Ich bin kritikoffen aber nicht auf der persönlichen Ebene. Dann beantworte ich die Mail überfreundlich in drei Sätzen. „Abschließend“ sollte das erste Wort im letzten Satz sein. Danach stehe ich nämlich nicht mehr zur Verfügung. Es ist meine Lebenszeit und sie will ich nicht mit komischen Leuten verbringen. Stell dich nicht in Frage. Rede innerlich so wie mit deinem besten Freund. Welche Tipps würdest du ihm jetzt geben? Und setzte dann den Ärger in Bewegung um. Wovon du am Ende wieder einen Nutzen hast wie Rennrad fahren, Wohnung schrubben. Mach dir bewusst einen schönen Tag. Stell dir einen Betonklotz, Gartenzaun oder ein Stoppschild zwischen dir und der anderen Person vor. Manche Welten sind zu unterschiedlich und kommen einfach nicht zusammen. Muss man ja auch nicht. Am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder anders aus.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Liebe Tanja,

      lieben Dank für deinen Kommentar.

      Super Tipps und Empfehlungen, dass eine oder andere werde ich sicherlich versuchen anzuwenden.

      viele Grüße an dich
      Oliver

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