Wie ich Vertrauen in mich und das Leben wiedergefunden habe

Moni von my free mind widmet sich gerade in einer Artikelserie der Frage:
Wie finde ich vertrauen in mich und meinem Körper?

Ein sehr spannendes Thema, welches mich seit Jahren selbst beschäftigt und deshalb beantworte ich gerne diese Frage mit meinem heutigen Beitrag.

Das Urvertrauen

Vertrauen – dieses Wort, welches in aller Munde und in allen Ratgeberbüchern zu finden ist. Wie lange verfolgt es mich schon in meinem Leben? So lange, wie ich zurückdenken kann.

Ach, da wird mir ganz wehmütig ums Herz. Ich erinnere mich gerade an meine Zeit vor dem Jahr 2009 – vor meiner beruflichen Aus- und Reisezeit.

Bis dahin verfolgte mich ein ganz anderes Wort jahrelang: Zweifel.
Ich zweifelte an allem: an diesem Dasein, an meinem langweiligen Job, an meiner Umgebung,
an meiner Beziehungsfähigkeit, an meinen (Sauf) Kumpanen, an den Frauen. So viele Enttäuschungen, Ablehnungen und Frustationen musste ich bis dato einstecken. Ah, gut, so ist also das Leben, für das es sich zu leben lohnt, fragte ich mich oft.

Doch vor allem zweifelte ich an mir: nicht gut und selbstbewusst genug zu sein (vor allem gegenüber Frauen), nichts wirklich auf die Reihe zu kriegen, weder eine Karriere noch eine Familie, zu schüchtern zu sein, niemals was von der Welt zu sehen.

Du siehst: Es gab jede Menge Zweifel in meinem Leben. Sie hätten locker ausgereicht, um mich vollkommen aufzugeben, zu resignieren „Ist halt so, dieses Leben“ und mich bis zum Ende meiner Tag, jeden Abend mit zwei Flaschen Bier vor der Glotze zu betäuben.
(zeitweise war das auch so, wenn auch ohne dem Bier).

Meine Rettung aus dieser Abwärtsspirale waren meine Bücher und mein unendlicher Wissensdurst nach neuen Erfahrungen. Nach neuen (geistigen) Horizonten. Meine Seele lechzte regelrecht danach. Heute noch. Die Bücher zeigten mir eine andere Welt auf, dass eine andere Form von Lebensgestaltung möglich ist. Das es möglich ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wenn ich etwas dafür tue. Sonst gibt es niemand auf dieser Welt, der das für mich tun kann. Um aus dieser Komfort- und Lethargiezone herauszukommen, bedarf es einer großer Portion Mut, Entschlusskraft, und auch etwas Verwegenheit.

Durch meine Studien der vergangenen Jahre in Buddhismus, Meditation und Entwicklungspsychologie, war mir das schon irgendwie bewusst. Doch erst im Jahr 2009 brachte ich den Mut dazu auf, es wirklich zu tun und mich wirklich dem Leben anzuvertrauen. In mir brodelte es schon zu lange. Ich wollte einfach nicht auf meinem Totenbett liegen und all die verpassten Chancen in meinem Leben in den letzten Sekunden meines Lebens bereuen – wie es laut diesem Bestseller jedoch so viele Sterbende tun.

Diese Urvertrauen in das Leben, all dem was mir täglich widerfährt und begegnet, lernte ich erst so richtig auf meinen Reisen kennen. Daheim, in meinen festgelegten und monotonen Strukturen und Abläufen, war es ja nicht notwendig. Diese Abläufe waren ja genau dafür da, nicht vertrauen zu müssen, sondern mich „sicher“ zu fühlen.

Nun, nach meinem Start im Herbst 2009, war ich ganz auf mich alleine gestellt. Auf meine Fähigkeiten und mein Geschick. Und eben auf ein bis dahin eher diffuses Gefühl, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Das ich Zeit, Geld und die Freiheit habe, mich treiben zu lassen und eben darauf zu vertrauen, dass alles seine Richtigkeit haben wird – auch wenn es nicht gleich meinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht. Was sollte schon passieren?

Während meinen darauffolgenden Rad- und Rucksackreisen in den kommenden 2,5 Jahren, gab es jede Menge solcher Momente. Ich konnte auch feststellen, dass ich mit zunehmender Reisedauer und Erfahrung immer mehr in diesen Zustand des „Flow“, des Vertrauens, gekommen bin. Oftmals konnte ich nur noch staunend und mit einem inneren Lächeln dastehen.

Korfu, November 2011:

Nach fast genau zwei Monaten, bin ich mit meinem Reiserad an meinem Ziel angelangt: Griechenland, die Insel Korfu. Vor wenigen Minuten legte das Schnellboot aus Albanien im Hafen von Korfu an. Die Zollabfertigung geht zügig. Ich stehe im Hafen und schnaufe zunächst einmal durch. Geschafft. Wow! Was waren das nur für zwei Monate voller Ereignisse, Begegnungen und Fügungen. Ein Gefühl der Dankbarkeit und Freude durchströmt mich.

Und jetzt? Zunächst gehe ich in die historische Altstadt und gönne mir ein (vegetarisches) Abendessen: selbstgemachte Pommes und frischer Schafskäse mit leckeren Olivenöl.

Ich bin mit nichts in der Hand auf die Insel gekommen. Weder einem konkreten Ziel noch irgendeiner Kontaktadresse. Das einzige, was ich mir vorgenommen hatte, ist nicht gleich wieder in zwei Tagen abzureisen. Und wohin auch? Meine Reise ist hier zu Ende. Dies war mein Ziel, ohne mir im Vorfeld genauere Gedanken gemacht zu haben, wie es danach weitergeht.

Das Ur-Vertrauen. Einmal mehr gebe ich mich ihm auf dieser Reise hin.

Die ersten drei Nächte schlafe ich in meinem Zelt – die erste auf einem Spielplatz eines gerade schließenden Restaurant (Saisonende), die beiden weiteren auf einen bereits geschlossenen (und verwahrlosten) Campingplatz – nach Rücksprache und alles kostenfrei. Von der Touristeninformation bekomme ich die Adresse einer Engländerin auf der Insel. Diese verweist mich an einen jungen Griechen, der gerade händeringend noch Helfer für die anstehende Olivenernte sucht. Am vierten Tag auf der Insel, sitze ich bei Apostolos auf der Veranda und wir sprechen über ein Arrangement als Erntehelfer. Schnell werden wir uns einig.

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Ich helfe ca. drei Wochen jeden Tag bei der Olivenernte mit und erhalte dafür freie Kost und Logis. Konkret bedeutet dies, dass ich auf seinem großen Grundstück ein altes Bauernhaus für mich alleine habe (mit Kamin), seine Frau für mich mit einkaufen geht und ich abends bei ihnen im Haus mitessen werde.

Ein Beispiel von vielen, die ich während meiner Reise erlebt habe. Nach dem Aufenthalt bei Apostolos ging es in ähnlicher Form weiter. Weiter mit dem Rad Richtung Türkei, zurück in den deutschen Winter oder in Griechenland bleiben?

Letztlich wurde es die letzte Option. Auf den Peloponnes (Mani) konnte ich bei österreichischen Olivenölproduzenten bis zum Frühjahr des nächsten Jahres überwintern. Und lernte in dieser Zeit wunderbare Menschen und geistig neue Horizonte kennen.

Der ewige Pendelschlag

Zurück zu der eingangs gestellten Frage:

Wie finde ich vertrauen in mich und meinem Körper zurück?

Aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre, insbesondere der Reisejahre, würde ich die Frage folgendermaßen beantworten: indem ich die Wechselfälle des Lebens anerkenne!

Ich meine, diesen ewigen Pendelschlag als ein Grundprinzip des Lebens erkannt zu haben – auch auf die Gefahr hin, dass dies gerade manch einer als zu esoterisch oder abgehoben empfinden mag.

Vor, während und nach meiner Auszeit gab es immer wieder immense psychologische Tiefpunkte. Gerade nach meiner Rückkehr im Frühjahr 2012 fiel ich in ein depressives Loch voller Orientierungslosigkeit und Anpassungsstörungen. Und durch dieses galt es zunächst einmal hindurchzugehen, um letztlich auch wieder herauszukommen.

Alles, was ich bisher über Ängste, Krisen und Zweifel verstanden und gehört habe, ging in diese Richtung. Es als Chance zu sehen, etwas daraus zu lernen und es ganz zu durchleben, anzunehmen. Nur dann kann so etwas wie eine Loslösung oder Transformation für etwas Neues, für einen neuen Abschnitt entstehen.

Nach einem Jahr in meinem seelischen Loch, erkannte ich, dass ich etwas tun muss, dass eine weitere, auch räumliche, Veränderung ansteht. Nach wochenlangem rationalen Abwägen und mit mir ringen, vertraute ich letztlich diesem nicht näher beschreibbaren Gefühl in mir (Ur-Vertrauen?) und entschied mich für einen Umzug an den Bodensee. Es fühlte sich zunächst nach einem Sprung ins kalte Wasser an, wie damals nach meiner Ankunft auf Korfu auch. Doch heute, gute zwei Jahre später, hat sich dieser Mut und dieses Vertrauen einmal mehr als richtig erwiesen. Ein neuer Lebensabschnitt begann. Ich fühlte mich von Beginn an wohl in der Gegend, fand eine Freundin und eine berufliche Perspektive mit der Eröffnung dieses Blogs und dem Schreiben.

Auch in diesen zwei Jahren erlebte ich meine Krisen, keine Frage, sogar eine weitere sehr existenzielle. Nebenbei bemerkt: zur Zeit befinde ich mich wieder in einem Motivationsloch.

Wie gesagt: Das Urprinzip – der ewige Pendelschlag.

Doch „weiß“ irgendeine Instanz in mir, jenseits meiner Gedanken und Vorstellungen, dass es in mir einen Raum oder Ebene gibt, die von diesen ewigen Wechselfällen nicht berührt ist. In sehr existenziellen oder intensiven Momenten meines Lebens, konnte ich für eine begrenzte Zeit diesen Raum wahrnehmen, für einige Sekunden schimmerte er durch alle Prägungen und Masken hindurch – zuletzt auf meiner Heldenreise geschehen.

Spirituelle Traditionen und Lehrer haben dafür so manche Namen gefunden, die aber letztlich wohl nicht so wichtig sind: Leere, Agape, bedingungslose Liebe, Höheres Selbst, neutraler Beobachter, Zeuge.

„Was bleibt, wenn Sie alles weglassen?“, fragte mich einst ein Therapeut.

Heute würde ich darauf antworten: Das Vertrauen auf diese höhere Instanz in mir, die soviel weiser und intelligenter ist, als ich es jemals sein kann, und die mich schon so oft durch die Wechselfälle meines Lebens geleitet hat. Und es auch weiterhin tun wird, wenn ich bereit bin von mir abzulassen und hinzuhören, wahrzunehmen, was da ist, und nicht, was aus meiner (begrenzten) Sicht da sein sollte.

„Was ist, muss auch sein dürfen“, ist ein weiterer Ausspruch von dem eben erwähnten Therapeuten.

Nicht immer einfach – wem sagst du das. Aber auch nicht unmöglich.

Meine 3 Erkenntnisse aus diesen Prozessen

1) Das Leben besteht aus Polaritäten

Gut vs. Schlecht; Liebe vs. Angst; Angenehm vs. Unangenehm; Krise vs. Freude; Vertrauen vs. Zweifel; Glück vs. Pech; Verbunden vs. Getrennt; Heilige vs. Hure; Held vs. Dämon etc.

Beide Seiten wollen gelebt werden. Beide Seiten gibt es in uns. Und beides wird uns immer wieder im Leben begegnen. Es geht nicht um gut oder schlecht.
Umso mehr ich das verstehen konnte, und umso mehr ich all diese Polaritäten durchleben und annehmen konnte, umso lebendiger und im Leben verwurzelter fühlte ich mich.

2) Der Körper ist der Tempel meiner Seele

Also pflege und hege ich ihn, durch Ernährung, Bewegung und Ruhezeiten. Er ist auch das Gefäß, welches meine Gefühle beinhaltet. Durch kleine körperliche Anzeichen machen sich diese bemerkbar und wollen gesehen werden. Der Körper lügt nicht. Also versuche ich darauf zu hören und nicht gegen meinen Körper und meine Gefühle zu rebellieren, weil das langfristig krank macht.

3) Von mir ablassen und dem Leben vertrauen

Die nächste Krise kommt ganz sicher – aber auch das nächste Gefühl vollkommener Zufriedenheit mit mir und der Welt.

Links, recht, links, rechts – es bewegt sich fortwährend. Von einem Zustand in den nächsten.

Ein ständiger Wandel, ein ständiges Kommen und Gehen – klingt so abgedroschen, ist aber immer noch wahr. Dies gibt mir eine gewisse Hoffnung und ein klein wenig Frieden in all diesen Stürmen des Lebens. Selbst der schlimmste wird wieder vergehen.

Umso mehr ich von mir und meinen konditionierten Vorstellungen ablasse, und vollkommen darauf vertraue, dass alles, wirklich alles, was mir widerfährt, in irgendeiner Weise richtig ist, umso mehr kann ich mir und dem Leben vertrauen.

Auf diese Instanz, die so viel weiser und größer ist als mein Leben – und noch lange davor und lange danach bestehen wird. Muss ich dafür glauben oder spirituell sein? Nein, nur genau hinsehen, jeden Tag aufs Neue.

Dies versuche ich von Tag zu Tag, manchmal besser, manchmal schlechter. Und das kannst du auch.

Dies war eine ausführliche und aus meinem bisherigen Leben gespeiste Antwort auf die Frage:
„Wie ich wieder Vertrauen in mich und meinen Körper gefunden habe.“

Ich hoffe, du konntest für dich ein klein wenig mitnehmen!

Fühl dich einfach wohl !
Dein
Oliver

Wie findest Du Vertrauen in Dich und das Leben?
Ich freue mich auf deinen Kommentar dazu.

 

 

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Veröffentlicht von

www.simplyfeelit.de

Hi, ich bin Oliver: Blogger & Autor & Querdenker. Nach einer dreijährigen beruflichen Auszeit und den anschließenden Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten, weiß ich heute, wie ich leben möchte: Frei und Selbstbestimmt. Und im Einklang mit meiner sensiblen & kraftvollen Männlichkeit. Ich schreibe über Beziehungen, Mann-Sein, Hochsensibilität, Minimalismus und Persönlichkeitsentwicklung.

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3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe deinen Beitrag mit voller Freude und vielen Aha’s gelesen. Du schreibst authentisch, leidenschaftlich und mit Zuversicht.
    Dein Leben auf der Olivenplantage – Wahnsinn! Sowie die anderen tiefen Gedanken.
    Schön Dich kennengelernt zu haben, rainbowpeople.

    • Hi Juliane,

      danke für deinen Kommentar und dein nettes Lob. Ja, die Zeit auf der Olivenfarm war aufregend und anstrengend. Jeden Tag zehn bis zwölf Stunden, es war aber eine Erfahrung fürs Leben, und seitdem weiß ich den Wert von kaltgepressten Olivenöl noch höher zu schätzen 😉

      Hat mich auch gefreut, dich kennengelernt zu haben und vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr auf einem weiteren Seminar…
      Yeah…Rainbowpeople goes on! 🙂

      Liebe Grüße
      Oliver

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