Warum ich aus Mitgefühl Vegetarier wurde?

Dieses Thema liegt mir schon lange auf dem Herzen – oder eher im Magen. Seit gut vier Jahren bezeichne ich mich als Vollblutvegetarier. Die drei Monate in Indien im Jahr 2011, in denen ich viele Vegetarier und Veganer  kennenlernte, gaben mir den entscheidenden Impuls und öffneten mir noch mehr die Augen. Das heißt seit dem esse ich auch keinen Fisch mehr. Vor der Indienzeit gehörte Fisch noch auf meinen wöchentlichen Speiseplan.

Heute möchte ich von meiner Entwicklung erzählen, wie ich von einem überzeugten Fleischesser zu einem bewussten Vegetarier wurde. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich mit Fleisch groß geworden bin. In meinem Elternhaus gehörte Fleisch auf den Tisch, und zwar täglich. Gulasch, Bratwurst, Schnitzel –  sonntags der eingelegte Sauerbraten. Ich kann nicht behaupten, dass mir dies nicht geschmeckt hätte, im Gegenteil, ich aß sehr gerne ein schönes Jägerschnitzel mit Pommes und Salat. Auch wenn mir heute noch jemand ein Schnitzel hinstellen würde, würde ich es vielleicht verspeisen. Es würde mir nach wie vor schmecken und ich müßte es nicht qualvoll hinunter würgen. Um den Geschmack von Fleisch kann es also bei mir nicht gehen.

Nein, es geht um ganz andere Gründe. Um die zu beleuchten, muss ich ein wenig ausholen. Vor Jahren fielen mir die ersten Bücher über Ernährung in die Hände. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt nach wie vor, ein bis zweimal die Woche Fleisch auf dem Speiseplan zu haben. Es gibt unzählige Studien zum Thema Fleischkonsum. Die einen halten es für gesundheitlich völlig unbedenklich, die Menge und die Häufigkeit des Verzehrs machen es aus. Neuere Studien raten nun grundsätzlich vom Fleischverzehr ab, wegen des erhöhten Risikos an Gicht, Darmkrebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer oder Adipositas (Fettleibigkeit) zu erkranken. Umso mehr ich mich damit beschäftigte, umso mehr dachte ich über meinen Fleischkonsum und die Auswirkungen auf den Körper nach.

Da ich seit über 15 Jahren jogge, war ich davon überzeugt, dass ich nicht ganz auf Fleisch verzichten konnte, wegen dem Bedarf an tierischem Eiweiß, welches ja bekanntlich wichtig ist zum Aufbau der Muskeln. Heute weiß ich, dass diese Aussage eine der vielen Volksmythen in Bezug auf Muskelaufbau ist, die zum Teil gezielt von der Fleischindustrie platziert und verstreut werden. Der stärkste Mann Deutschlands 2011 ist Veganer! Also fing ich vor ungefähr vier Jahren an, mein Essverhalten langsam umzustellen. Zuerst verzichtete ich komplett auf Schweinefleisch, auch wenn ich damit Tschüß zu meinem geliebten Schnitzel sagen musste. Ich aß ab und an Rindfleisch, aber vor allem Geflügel. Irgendwo hatte ich mal gelesen, das dies besonders gut für Sportler sein sollte. (Ein weiterer Mythos)

Eines Tages ging ich in die Videothek und stieß auf den Film “ We feed the world „. Noch als der Abspann lief, beschloss ich, auf jegliches Fleisch zu verzichten. Die Bilder von Rindern, Hühnern und Schweinen aus der Massentierhaltung und deren Schlachtung schockierten mich zutiefst. Mir standen die Tränen in den Augen. Vor allem öffnete mir der Film die Augen für den Kreislauf und das Zusammenspiel von Massentierhaltung, Pharmaindustrie (als Schutz vor Krankheiten werden die Tiere vollgepumpt mit Antibiotika und anderen Mitteln) und der Abholzung tausender Quadratkilometer Regenwald in Schwellenändern wie Brasilien. Das alles nur, um mit gentechnisch veränderten Saatgut riesige Felder mit Sojapflanzen anzulegen, die ausschließlich für die Fütterung von Nutztieren benötigt werden .

Da ich nach wie vor als ambitionierter Läufer nicht ganz auf Eiweiß verzichten wollte, aß ich von da an nur noch Fisch. Diese letzte Bastion fiel in Indien, als ich mich mit einer langjährigen Vegetarierin unterhielt und sie mir eindrücklich von der Überfischung der Meere erzählte. Genau das gleiche Prinzip wie bei der konventionellen Haltung von Nutztieren. Außerdem sei man kein Vegetarier, wenn man noch Fisch esse.
Punkt. Das saß.

Bei der Darlegung der Beweggründe für meine schrittweise Umstellung auf pfanzliche Kost, legte ich bisher den Schwerpunkt auf den gesundheitlichen und ethischen Aspekt. So erwiderte ich in der Vergangenheit bei diversen Grillpartys, wo ich von überzeugten Fleischessern gefragte wurde, warum ich den kein Fleisch esse: „Es gibt mehrere Gründe“,  und fing dann an aufzuzählen, was es für Auswirkungen auf den Körper und das Weltklima hat. Dies hat sich nun seit  einiger Zeit geändert, was nicht heißt, das die anderen Gründe dadurch keine Gültigkeit mehr hätten. Würde mich aber heute jemand fragen, warum ich Vegetarier bin, würde ich nur noch mit zwei Worten antworten: Aus Mitgefühl!

Dies ist ganz einfach. Ich würde zuerst mal die Person fragen, ob Sie ein Haustier hat, nehmen wir an, einen Hund. Dann würde ich sie fragen, ob sie sich vorstellen könne, dem Tier in die Augen zu schauen, und ihm gleichzeitig ein Messer in die Kehle zu rammen. Ich glaube die Empörung wäre groß: „Nein, wie kannst du sowas nur fragen, das würde ich nie tun!“ Genau da liegt der Kasus Knaxus.

Wir halten uns für die Krone der Schöpfung. Wir wollen nicht mit unseren nächsten Verwandten, den Primaten, verglichen werden, geschweige denn mit einem Rind, einem Hund oder einem Schwein. Wir haben ja unsere Vernunft, wir haben ein Bewusstsein, wir können links von rechts unterscheiden und vieles mehr. All das sprechen wir den Tieren ab, weil wir ja über ihnen stehen, und bitte schon gar nicht neben ihnen. Am allermeisten sprechen wir ihnen ein Bewusstsein ab, was einhergeht mit der Fähigkeit, Freude und Schmerz zu empfinden.

Aber nun wird es interessant. Unserem alles geliebten Haustier, dem Hund, die Katze – ja es gibt sogar Leute, die halten sich ein Hausschwein –  dem sprechen wir diese Fähigkeit nicht ab. Wir umsorgen es, füttern es, streicheln es. Nach einiger Zeit haben wir eine so enge Verbindung zu dem Tier aufgebaut, dass wir sofort merken, wenn es ihm schlecht geht. Und irgendwann bemerken wir, dass es nicht nur uns so geht, sondern das das Tier ebenso merkt, wenn uns  etwas fehlt, oder wir einfach jemanden zum anschmiegen brauchen. Kurz: wir haben eine Beziehung zu dem Tier aufgebaut.

Und jetzt möchte ich eine Frage stellen: Wie in alles in der Welt kommen wir bitteschön darauf, dass es einem quiekenden Schwein, dem gerade das Bolzenschussgerät an den Kopf gehalten wird, anders ergeht, als unserem geliebten Haustier daheim?!

Die Antwort: Wir kommen darauf, weil wir keinen Bezug mehr haben, zu dem, was wir essen. Anders gesagt, uns fehlt das Bewusstsein für das, was wir gerade essen, nämlich ein Lebewesen, das frei von Schmerz leben möchte, genauso wie wir es uns als Menschen zusprechen und sogar unserem Haustier. Das Form verpackte Schnitzel im Kühlregal kann uns nicht mehr anschauen. Zwei Stunden zuvor schaute der Metzger dem Schwein in die Augen, als er ihm einen Bolzen in den Schädel schoss. Aber das sehen wir nicht mehr in unserer modernen Welt. Wir sehen unseren Genuss, mh, das schmeckt mir. Warum soll ich darauf verzichten? Dieser Artikel zeigt das sehr schön auf.

Wenn mich also das nächste Mal etwas verwundert jemand fragt: Warum isst du denn kein Fleisch, ist die viel spannendere Frage: Warum isst du Fleisch?

Nach den üblichen Erklärungen, würde ich dann gerne mit demjenigen eine Wette eingehen. Wir gehen einen Tag zusammen in ein konventionelles Schlachthaus und schauen uns den Ablauf dort genau an. Wenn du danach noch Hunger auf ein Schnitzel hast, lade ich dich darauf gerne ein, wenn nicht, lädst du mich zu einem vegetarischen Menü ein.

Massentierhaltung ist die extremste Form, biologische Tierhaltung die Angenehmere, die Artgerechtere, wie es so schön heißt. Im Grunde ist es aber egal: Lebewesen bleibt Lebewesen!

Die Anfangsfrage, warum ich Vegetarier bin, lässt sich nach diesen Ausführungen nun wie folgt beantworten:

Weil ich Mitgefühl für alle empfindungsfähigen Wesen habe.

Man könnte auch sagen, für alles was zwei Augen hat. Kann man sich das vorstellen? Auch das formverpackte Filet im Supermarkt hatte mal zwei Augen!

Für mich ist es eine Frage der Entwicklung und einer damit einhergehenden Bewusstseinserweiterung, die Mitgefühl entstehen lässt. Und diesbezüglich kann ich nur hoffen, dass sich diese Entwicklung beschleunigt. Sodass wir in einigen Jahrzehnten vielleicht ganz selbstverständlich sagen: „Kannst du dir das vorstellen, die haben früher Tiere getötet, um deren Fleisch zu essen, was waren das nur für grausame Zeiten.“

Wie siehst du es?
Machst du dir Gedanken über deine Ernäherung und das Leid der Tiere?
Ich freue mich auf deinen Kommentar.

 

P.S. Wenn dir der Artikel gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn du ihn mit deinen Freunden teilst.

 

Veröffentlicht von

www.simplyfeelit.de

Hi, ich bin Oliver: Blogger & Autor & Querdenker. Nach einer dreijährigen beruflichen Auszeit und den anschließenden Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten, weiß ich heute, wie ich leben möchte: Frei und Selbstbestimmt. Und im Einklang mit meiner sensiblen & kraftvollen Männlichkeit. Ich schreibe über Beziehungen, Mann-Sein, Hochsensibilität, Minimalismus und Persönlichkeitsentwicklung.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Oliver,
    ich esse fühlende und nicht fühlende Wesen beide sind Phänomene die das Leben hervorbringt. Wir leben in Symbiose mit Milliarden von Bakterien in unseren Darm und auf unserer Haut. Wenn ich aus Mitgefühl für die Phänomene des Lebens etwas nicht essen wollte, müsste ich verhungern und würde sterben. Deshalb esse ich alles was meinen sterblichen Körper erhält.
    Wobei ich gerade am überlegen bin als HSP mit Hautproblemen zu versuchen auf Produkte aus der Massentierhaltung zu verzichten da ich gelesen habe das die Hautprobleme damit im Zusammenhang stehen könnten.

    • Sorry, ich kann deinen Ausführungen nicht ganz folgen. Ein Schwein fühlt eben mehr als ein Blatt Salat. Weil es höher und weiter entwickelt ist, Schmerz und Freude empfinden kann wie andere Säugetiere (wie wir).

      Die sonstigen katastrophalen Auswirkungen der Massentierhaltung (Antibiotika-Resistenzen, Rohdung des Regenwaldes wegen Futteranbauflächen etc.pp) sollten mittlerweile der breiten Masse hinlänglich bekannt sein. Die Schlachthäuser sollten Glaswände haben, anstatt hermetisch abgeriegelt zu sein. Würde mich dann interessieren, wer bei diesem Massenabschlachten danach noch Lust auf ne Currywurst hat.

      Gar nicht zu sprechen von den gesundheitlichen Auswirkungen eines erhöhten Fleischkonsums auf den menschlichen Organismus.
      (wie z.B. Haut und so vieles mehr).

      Gruß
      Oliver

  2. .. hm .. da kam ja richtig die Keule raus als Antwort auf P . ,,, das zumindest habe ich so heraus gelesen aus deinem Text, Oliver … nicht so ganz gewaltfrei, oder … ?? …. Ich bin manchmal dankbar, darf ich die Kraft eines Rindes in mich aufnehmen. aber das ist nicht nachvollziehbar, wenn Mann oder Frau sich entschieden hat, kein Tier mehr zu essen oder vor allem dann, wenn es nicht „erlaubt“ ist, Tiere zu essen . ich denke dass die Organismen sehr unterschiedlich funktionieren. Mineralien … Pflanzen … Tiere …. wir „Menschen“ .. ( wenn wir das menschliche entwickeln) …. ich kann es verstehen, wenn jemand kein Fleisch mehr ist und keine Fische . ich habe das auch eine Zeit lang gemacht . mittlerweile fehlt mir dann nach gewisser Zeit eine bestimmte Art von Kraft, die kommt nur zu mir, wenn ich Fleisch esse . und da gibt es auch wieder Unterschiede ( welches Fleisch das ist ) . ich denke es ist ein Unterschied, ob jemand bewusst Fleisch und Fisch isst oder nicht . und ich merke es nicht an mir das bei anderen zu beurteilen . und auch wenn ich eine Pflanze esse, esse ich ein Lebewesen. das finde ich wirklich so . … bei mir ist beim Schreiben die Frage aufgetaucht, ob wir uns gegenseitig wahrnehmen / spüren können … Mineralien , Pflanzen, Tiere, Menschen …. ich denke ja . habe auch jeweils entsprechende Erfahrungen gemacht . Bei Steinen war mir das sehr lange nicht bewusst. aber auch sie sind Lebewesen, so zumindest habe ich das erfahren . … warum ich mir erlaube, die anderen zu essen und sie zu nutzen … und dass sie umgekehrt nicht die Möglichkeit dazu haben …. hm ….. Ich habe den Eindruck das liegt an der Sache selbst. Das ist eine natürliche Ordnung . und mit je mehr Dankbarkeit und Hingabe ich die Welt nutze, ihre Erscheinungen in mein eigenes Leben hinein nehme , desto stimmiger finde ich es . alles Gute jedenfalls, Vera Helena

    • Hallo Vera,

      danke für deine Antwort.

      Manchmal muss man etwas wachrütteln 😉 Der Text ist zugegebenermaßen etwas provokant geschrieben – aber bewusst so. Ich habe schon so viele fadenscheinige Halbwahrheiten über das Thema Vegetarismus (Fleischverzicht) gehört, dass ich diese Mythen und zum Teil bewusst gestreuten Unwahrheiten nicht mehr hören kann. Eines davon ist zum Beispiel der Mythos, dass wir Fleisch brauchen, um uns kräftig zu fühlen. Unzählige Studien habe das widerlegt, und der stärkste Mann der Welt (die, dieses LKW’S herumziehen) ist sogar Veganer. Wo hat er seine Muskeln und Kraft her? (neben viele weiteren Spitzensportlern, die sich rein pflanzlich ernähren).

      Es ist zum Teil eine leidige Diskussion, und es gibt ganz sicherlich in der Szene Fundamentalisten (auf beiden Seiten). Ich möchte versuchen, nicht all zu sehr darin abzurutschen, mich aber auch nicht weiter von irgendwelchen Märchen und Halbwahrheiten verunsichern oder gar als „abnormal“ (alles schon gehört) hinstellen lassen. In diesem Zusammenhang empfehle ich meinen sehr ausführlichen Artikel zum Thema Veganismus, der selbstkritisch versucht, ALLE Seiten zu beleuchten (und aufzuklären): http://simplyfeelit.de/hochsensibilitaet-und-veganismus/

      Natürlich sind Pflanzen auch Lebenwesen, aber eben andere als ein Schwein, welches ein Nervensystem ähnlich uns Menschen hat, und somit Schmerz unmittelbar empfindet (auch darüber steht was in dem Artikel).

      Leben und leben lassen, und ganz sicher hat jeder Mensch einen individuellen Organismus, ja. Wenn jemand meint, er brauche Fleisch um sich kraftvoll zu fühlen, soll er es essen.
      Aber: Ich betone es immer wieder. Ich verzichte bewusst und absichtlich auf tierische Produkte, weil ich die Zusammenhänge zwischen Massentierhaltung, dem Hunger in der Welt, dem Leid, und den ökologischen Langzeitfolgen für unsere Kinder verstanden habe. So konnte ich nicht mehr ruhigen Gewissens in ein Steak beißen (welches mir immer geschmeckt hat). Dieses Dilemma muss jeder für sich selbst beantworten – oder eben nicht und er macht sich darüber keine Gedanken! Freie Entscheidung, freier Wille…ich habe mich entschieden.

      Alles Gute auch für dich
      Oliver

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