Interview mit Blogger Raphael Kolic: „Ich will wissen, was in meinem Partner lebendig ist!“

Meine dreiteilige Serie über eine authentische, gewaltfreie und wertschätzende Kommunikation*, möchte ich heute mit einem inspirierenden Interview mit dem Kommunikationsexperten und Blogger Raphael Kolic abschließen. Falls du die ersten beiden Beiträge verpasst hast: Hier gelangst du zum ersten Beitrag, und hier zum zweiten.

Raphael schreibt auf seinem Blog no-right-no-wrong über Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Außerdem hat er vor einigen Wochen seit erstes E-Book veröffentlicht: Achtsame Selbsthypnose*.

Heute antwortet er mir auf meine 12 Fragen, wie eine achtsame und wertschätzende Kommunikation gelingen kann. Für jeden Hochsensiblen ein wichtiges und spannendes Thema.

Raphael, freut mich, dass es geklappt hat und du Dir Zeit für dieses Interview genommen hast.


Raphael Kolic: Danke dir für die Einladung.

Wie bist Du in Deinem Leben auf das Thema achtsame Kommunikation aufmerksam geworden?

Raphael Kolic: Mit 19 schlitterte ich in eine kleine Identitätskrise. Also begab ich mich auf die Suche nach Antworten und fand eine Antwort in der Meditation. Seitdem habe ich mich viel der Frage gewidmet: „Was ist mir wichtig im Leben?“. Das wurde mir mit der Zeit immer klar und stand somit vor der nächsten Herausforderung: Wie kann ich aktiv leben, was mir wichtig ist? Und da lernte ich die Gewaltfreie Kommunikation kennen. Jemand empfahl sie mir als großartiges Werkzeug, um nach den eigenen Werten zu leben und kommunizieren.

Was bedeutet es für Dich, ein achtsames und erfülltes Leben zu führen und welchen Stellenwert nimmt dabei die Kommunikation ein?

Raphael Kolic: Ein erfülltes Leben für mich ist, ein lebendiges Leben zu führen. Alle auf und Ab des Lebens voll anzunehmen – dem Leben ein Fettes „Ja“ zu geben. Ja zum Kommenden und Dank dem Vergangenen (Dag Hammerskojd). So habe ich das Leben in seiner vollen Bandbreite – in Fülle eben.

Ein achtsames Leben bedeutet für mich, was ist, von Moment zu Moment ohne es zu bewerten, wahrzunehmen. Das will ich mir nicht zu einem Anspruch machen. Es geht mir viel mehr darum, im Alltag Rituale einzubauen, die mich immer wieder in diesen Zustand bringen, um mich zu zentrieren und mit mir verbunden zu bleiben.

Kommunikation nimmt dabei eine zentrale Position ein: Sie ist überall! Zwischen uns und in mir durch meine Gedanken, Urteile, sprachlich formulierte Einstellungen etc. Kommunikation kann eine zentrierte Haltung widerspiegeln, kann uns aber auch durch Urteile vom Leben entfremden.

Kannst Du uns in wenigen Sätzen die wesentlichen Grundannahmen einer Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg vorstellen?

Raphael Kolic: Hui. Ich weiß nicht, ob ich dieser Frage gerecht werden kann. Ich kann es versuchen:

  • Gewalt entsteht durch Urteile, die implizieren dass andere Menschen etwas richtig oder falsch machen. In Kulturen, in denen es keine moralischen Urteile gibt, die fundamentalistisch zwischen richtig und falsch unterscheiden, gibt es auch keine Gewalt. (Dazu habe ich leider keine Belege, Marshall Rosenberg vertrat diese Meinung aber sehr stark und ich teile sie auch.)
  • Eine Grundannahme ist, dass wir selbst verantwortlich sind für unsere Gefühle. Mit verantwortlich ist gemeint, dass wir mehr Einfluss auf unsere Gefühle haben (durch Bewertungen, Bedürfnisse etc.), als auf äußere Faktoren.
  • Alles was Menschen tun, tun sie aus ihren anerkennenswerten allgemeinen Grundbedürfnissen heraus. Ein Gewaltakt ist somit ein tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.
  • Wenn wir uns mit unseren Bedürfnissen verbinden, entstehen Lösungen ganz automatisch. Zuerst ist es also wichtig, die eigenen und anderen Bedürfnisse zu verstehen, erst dann macht es Sinn, Lösungen zu suchen.

Ich kann mir vorstellen, dass eine gewaltfreie und wertschätzende Kommunikation einer täglichen Übung bedarf, um sie wirklich in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Wie sieht Deine tägliche Übung in dieser Kommunikationsform aus?

Raphael Kolic: Die effektivste Übung ist für mich ein Journal zu führen. In diesem Journal halte ich herausfordernde Situationen fest und bearbeite sie dann im Nachhinein mit GFK. Ich reflektiere, was meine Werte und Bedürfnisse waren, verbinde mich mit meinen Gefühlen und übe so, das nächste Mal in dieser Situation zentriert und in Verbindung mit mir und meinen Werten zu reagieren.

In einem Deiner Artikel empfiehlst du ja ganz klar, ein Gespräch auch bewusst zu beenden, falls es nicht bereichernd oder nur noch anstrengend ist. Hast Du das selbst schon einmal gemacht und welche Tipps für einen gelungenen Ausstieg aus solch einem Gespräch kannst Du uns geben?

Raphael Kolic: Man kann Körpersprache nutzen, indem man sich weg dreht oder auf die Uhr sieht. Man kann das Thema auf etwas banales lenken wie: „Und was hast du heute noch vor?“ So schafft man einen eleganten Ausstieg aus einem nicht bereichernden Gespräch. Wichtig ist, das Gespräch so bald wie möglich zu beenden, wenn du es nicht genießt. Je länger du wartest, desto größer wird deine Genervtheit und desto schwieriger wird es, das Gespräch wertschätzend zu beenden.

Was sind Deiner Meinung nach die größten Gesprächskiller für jegliche Art von Begegnung und Konversation, bei der eine gewisse Tiefe und Authentizität entstehen soll?

Raphael Kolic: Urteile über andere Menschen, Verallgemeinerungen (die Politik ist so und so), psychologisieren anderer Menschen (der wurde als Kind wohl zu wenig geliebt…) etc. in solchen Gesprächen fällt es mir schwer mich wohlzufühlen und ganz ich zu sein. Mich interessieren Urteile, Vermutungen oder Theorien über andere Menschen nicht (die oft auch noch ziemlich daneben liegen). Ich will wissen, was in meinem Partner lebendig ist! Was ihn/sie begeistert. Was es in ihm auslöst, wenn er etwas hört oder beobachtet. Solche Gespräche machen mir Spaß!

Sich verletzlich zeigen, echt sein und zu seinen Gefühlen zu stehen, hört man ja immer wieder auch in anderen Kontexten. Ich persönlich halte diese Einstellung für elementar wichtig, falls in einer Begegnung echte Nähe und Vertrauen entstehen soll. Trotzdem fällt diese Verletzlichkeit den meisten Menschen so unglaublich schwer, weil wir in diesen Momenten ungeschützt und eben verletzbar sind. Mitunter kann das sehr weh tun. Was genau bedeutet es, sich im Kontext einer gewaltfreien Kommunikation verletzlich zu zeigen und wie offen und verletzlich zeigst Du Dich in Gesprächen?

Raphael Kolic: Das hängt davon ab. Wenn mich jemand fragt, was in mir vorgeht, daran interessiert ist, gebe ich beinahe immer offene und verletzliche Antworten. Das heißt ich sage, wie ich mich fühle, ohne einen Filter anzusetzen. Wenn ich gerade traurig bin, dann zeige ich mich traurig. Das heißt aber nicht, dass ich meine Gefühle zu jeder Zeit nach außen kehre. Wenn mich niemand fragt, dann behalte ich das oft auch für mich.

Worin siehst Du die Schwächen solch einer offenen und gewaltfreien Kommunikation, falls es aus Deiner Sicht überhaupt welche gibt?

Raphael Kolic: Es braucht Mut sich offen zu zeigen und zu den eigenen Schwächen und Fehlern zu stehen. Ich habe bisher keinen Nachteil erlebt. Im Gegenteil: Viele Menschen rechnen einem die Verletzlichkeit hoch an. Wie viele mehr Menschen mich dafür verurteilen, aber mir das nie laut sagen – keine Ahnung – ist aber auch nicht wichtig.

In unserem Alltag begegnen uns ständig Situationen, wo wir uns herausgefordert fühlen, das Bedürfnis haben uns zu rechtfertigen oder unseren Willen durchzusetzen. Auf Deinem Blog schilderst Du eine nette Anekdote Deiner Freundin am Verkaufsschalter der Bahn, wo es um den Umtausch einer Monatskarte geht. Ich fand die Reaktion Deiner Freundin sehr beeindruckend und musste mich an ähnliche Situationen in meinem Leben erinnern. Meine Leser brennen sicherlich darauf, diese Reaktion noch einmal zu hören. Magst Du uns die Situation noch einmal kurz schildern?

Raphael Kolic: Meine Freundin wollte eine Monatskarte für den Nahverkehr in Heidelberg zurückgeben. Die Frau am Schalter meinte, es sei nicht möglich die Monatskarte rückzuerstatten. Meine Freundin sagte, dass sie beim ersten Mal von einer anderen Dame anders informiert worden war. Sie verstehe aber, dass der Frau die Hände gebunden sind, ist aber trotzdem traurig, dass das Missverständnis auf ihre Kosten geht.

Die andere Person saß am längeren Hebel. Meine Freundin gab ihr Verständnis für ihre Situation und teilte ihr auch mit, wie es ihr (meiner Freundin) mit dem Missverständnis gehe – ganz ohne Vorwurf. In solchen Situationen, wenn beide Seiten Verständnis erhalten, tragen Menschen gerne zum Wohlbefinden anderer Menschen bei. Die Dame am Schalter fand eine andere Möglichkeit die Karte zu erstatten.

Wirklich beeindruckend. Es wird jetzt vielleicht einige geben (z.B. mich), die sagen, in engen Beziehungen (Freunde, Partner, Familie) kann ich mir solch eine authentisch und gewaltfreie Kommunikation gut vorstellen. Aber im anonymen und sterilen Alltagsleben, die Verkäuferin in der Bäckerei, der Busfahrer, die Ticketverkäuferin etc., fällt es mir verdammt schwer, mich so offen und verletzlich zu zeigen, weil ich keine Beziehung zu diesen Menschen habe und sie nur für einige Minuten sehe. Was würdest Du darauf entgegnen?

Raphael Kolic: Ich würde nichts entgegnen. Eine Frage kommt in mir auf: Was verstehen wir unter Verletzlichkeit?
Verletzlichkeit hat für mich viel mit „Echtheit“ zu tun. Also ganz echt zu sein, keine Gefühle zu verstecken, sich nicht zu verbiegen (und dabei brechen), zu den eigenen Wertvorstellungen zu stehen und sie auch ausdrücken. Wir zeigen uns eben so, wie wir sind mit all unseren Gefühlen, Macken und einzigartigen „Seltsamkeiten“.

Verletzlich bin ich z.B., wenn ich gerade Scham fühle und diese Scham nicht verstecke. Anderen mitzuteilen, dass wir Scham fühlen, ist übrigens ein großer Faktor, der uns gegenüber Scham resilient macht laut Brene Brown*. (Die Forscherin, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass Scham und Verletzlichkeit öffentlich diskutiert und erforscht werden.)

Um zurück auf die Frage zu kommen: Wofür willst du dich in solchen Situationen verletzlich zeigen? Was verstehst du unter Verletzlichkeit?

Ich habe bisher keinen Unterschied gemerkt, zwischen Menschen, die ich gar nicht kannte und Menschen, die ich schon lange kenne. Mein Ziel ist es stets gleich echt und ehrlich zu sein, nur dass es mit Menschen, die mir vertraut sind, oft „tiefer“ geht. Ich bin aber auch dann echt, wenn ich meine tiefsten Gefühle nicht nach außen trage – solange ich mich nicht verbiege oder verstecke.

Sich verletzlich und authentisch in einer Begegnung zu zeigen, bedeutet auch, sich Fehler und Schwächen einzugestehen und diese auch auszudrücken. Vielen (so auch mir) fällt das mitunter sehr schwer, da man dann schnell in so eine Schuldspirale hineinkommen kann. Hast Du für mich und meine Leser eine Strategie, wie wir mit Fehlern und Versäumnissen umgehen könne, ohne uns dafür in Grund und Boden zu schämen oder uns unglaublich schuldig zu fühlen?

Raphael Kolic: Hm. Zuerst: Scham können wir nicht verhindern. Doch wir können lernen mit Scham besser umzugehen und wir können Einstellungen kultivieren, die Scham weniger wahrscheinlich machen.

Scham und Schuld sind immer verbunden mit Urteilen über mich selbst: Ich bin falsch. Ich habe etwas falsch gemacht. Diese Urteile sind der Kern unseres Schamempfindens.

Diese verinnerlichten Urteile sind sehr wirksam, aber nicht notwendigerweise wahr. Ich würde sogar behaupten, sie sind nie zu 100% wahr. Urteile wie ich bin falsch oder ich habe etwas falsch gemacht sind nämlich Informationsvernichtungsmaschinen (hui langes Wort). Sie berücksichtigen nicht meine positive Absicht hinter dem, was ich gemacht habe, sie berücksichtigen nicht meine anerkennenswerten Bedürfnisse, was ich gelernt habe, welcher Kontext von außen dazu beigetragen hat, dass ich gemacht habe, was ich gemacht habe.

Ein Fehler ist nichts weiter, als eine unbeabsichtigte Folge deines Verhaltens. Würdest du den Fehler noch einmal machen, wenn du heute die Wahl hättest?

Es gibt keine 100% Schuld, es gibt viele Faktoren, die dazu beitragen, dass passiert, was passiert ist.

Wenn wir Scham empfinden, ist es also wichtig diese Informationen wieder bewusst zu machen: Was hat dazu geführt, dass ich mich so verhalten habe, wie ich mich verhalten habe. Welches anerkennenswertes Grundbedürfnis lag dahinter und habe ich nicht wahrgenommen?

Brene Brown* hat außerdem einige Faktoren erforscht, die Menschen Scham und Schuld resilienter machen. Ein Faktor ist, sich mitzuteilen – von außen Verständnis und Mitgefühl zu erhalten. Das ist ein Schamkiller. Das Buch: Die Macht der Verletzlichkeit* von Brene Brown ist sehr empfehlenswert, wenn Menschen lernen wollen, besser mit Scham umzugehen.

Zum Schluss: Welche drei knackigen Sätze oder Wörter würdest Du uns für jegliche Art von Gespräch und Begegnung mit auf dem Weg geben?

Raphael Kolic: „Was macht dir gerade am meisten Spaß im Leben?“  Das ist eine Frage, die Marshall Rosenberg oft stellte und die ich auch gerne stelle, um faszinierende Gespräche zu führen.

„Von wem fühlst du dich in deinem Leben gerade am meisten verstanden und warum?“  Eine Freundin hat mir diese Frage gestellt, ich finde sie genial, um ein tiefgründiges Gespräch zu führen.

Raphael, ich bedanke mich recht herzlich für dieses Interview.

Raphael Kolic: Ich danke dir für die interessanten Fragen!

 


Raphael Kolic

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Raphael begeistert sich für Kommunikation, Achtsamkeit und Psychologie. Seine Mission: Menschen zu unterstützen, mithilfe ihrer (inneren) Kommunikation ein reiches, erfülltes und sinnvolles Leben zu leben.

Raphael’s erstes E-Book: Achtsame Selbsthypnose. Wie du behutsam deinen Weg findest*

www.no-right-no-wrong.com

 

 


 

 

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Veröffentlicht von

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Hi, ich bin Oliver: Blogger & Autor & Querdenker. Nach einer dreijährigen beruflichen Auszeit und den anschließenden Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten, weiß ich heute, wie ich leben möchte: Frei und Selbstbestimmt. Und im Einklang mit meiner sensiblen & kraftvollen Männlichkeit. Ich schreibe über Beziehungen, Mann-Sein, Hochsensibilität, Minimalismus und Persönlichkeitsentwicklung.

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